Leseprobe März 2003 |
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Wenn ich über Machthaber und ihr Agieren nachdenke, dann verbinde ich damit fast durchweg negative Gedanken an Menschen, die sich gegen meinen Willen durchgesetzt haben oder mich an ihrem langen Arm verhungern ließen.
Fragt man sich, wer in einer Suchtfamilie Macht hat und diese auch ausübt, antwortet man vielleicht vorschnell: "Natürlich der Trinker." Doch bei etwas längerem Nachdenken kommt man wohl zu dem Ergebnis, dass jeder für sich und auf seine Art Macht ausübt:
Oft gleichen diese gegenseitigen Machthandlungen einem Teufelskreis, dem man nicht mehr ansehen kann, wer die Kettenreaktion ausgelöst hat.
Als Kind aus einer Suchtfamilie erinnere ich mich nur ungerne an die Machtspiele meiner Eltern. Ich frage mich heute, ob einer von beiden wirklich Macht hatte. Als Antwort kommt mir die Warnung meines Schwimmleiters ins Gedächtnis, der uns immer wieder einschärfte: "Wenn ihr zu einem Ertrinkenden hinausschwimmt, dann passt auf, dass ihr nicht verletzt oder mitruntergezogen werdet. Denn viele Ertrinkende klammern oder schlagen wild um sich."
In seiner Todesangst kann der eigentlich Ohnmächtige eine gewaltige Macht über den ausüben, der ihm zu nahe kommt. Seine Handlungen sind letztlich Folgen seiner Ohnmacht. Kann man nicht auch den Abhängigen und seinen Angehörigen in ihrem Verhalten oft mit einem Ertrinkenden vergleichen?
Als ich in einer Blaukreuz-Gruppenstunde davon erzählte, dass mancher Jugendliche nach dem Motto lebt: "Mach kaputt, was dich kaputt macht", da meldete sich die Frau eines Suchtkranken. Sie erzählte, wie dieser Satz bei ihr Erinnerungen wachrief: "Oft, wenn mein Mann in den Keller ging, stand ich hinter ihm und dachte mir: ‚Nur ein Stoß und du bist alle deine Sorgen los ... und kannst endlich wieder frei leben‘".
Als ich nach dieser Aussage in die Runde schaute, nickte so manche Angehörige, weil auch sie sich dieser schrecklichen Gedanken nicht erwehren konnte.
Macht kann aber nicht nur den anderen zerstören, sondern auch grausam auf den zurückschlagen, der sie ausübt. Ähnlich erging es einem Löwen, der in einem Brunnen sein eigenes Spiegelbild erkannte und in der Absicht, einen Rivalen aus dem Weg zu räumen, letztlich sich selbst tötete.
Viele Angehörige wollen den anderen kontrollieren und verändern, indem sie ihm die Macht über die Finanzen, die Kindererziehung und andere Dinge entziehen. Indem sie sich einen riesigen Berg aufbürden, gehen sie aber darunter körperlich wie seelisch zugrunde.
Manch einem Abhängigen ergeht es aber nicht viel anders: "Lange habe ich meiner Frau gesagt, dass sie doch endlich ausziehen soll. Und selbst als sie noch mit den Koffern die Treppe runterging, habe ich hinter ihr hergeschrien und sie beschimpft. Doch als die Tür ins Schloss gefallen war, kam die große Einsamkeit. Ich hatte sie treffen und verletzen wollen. Letztlich aber zerstörte ich nur mich."
Nicht erst an diesem Punkt erleben Angehörige wie Betroffene, was "Ohnmacht" ist. Der Duden umschreibt Ohmacht als "Schwächeanfall mit Bewusstlosigkeit". Körperlich und gedanklich klappt ein Mensch am Ende seiner Kräfte zusammen und fühlt sich handlungsunfähig.
Aber ist Macht immer nur zerstörend?
Mir fällt dazu folgende Geschichte ein: Eines Tages tritt in einem Gefängnis ein Mann mit einer Gitarre aus seiner Zelle und beginnt ein wunderbares Lied zu singen.
Zunächst stutzen die Mitgefangenen, doch dann freuen sie sich an dieser Melodie. Die Wärter aber wollen keine fröhlich Musik. Sie schlagen den Mann.
Am nächsten Tag tritt dieser dennoch aus seiner Zelle und spielt mit zerschundenen Fingern. Die Wärter zerschlagen daraufhin seine Gitarre und richten ihn schrecklich zu.
Alle warten am nächsten Morgen gespannt, ob er es wagen wird, dennoch zu singen. Und tatsächlich, er singt sein Lied, mit dem er immer mehr Herzen erreicht. In ihrer Verzweiflung schlagen die Wärter den Mann fast tot, so dass er nichts mehr sagen kann.
Doch am nächsten Tag tritt dieser erneut vor seine Zelle. Lautlos wiegt er sich im Takt seiner Melodie. Die anderen Gefangenen haken sich bei ihm ein und machen mit. Da machen die Wärter nichts mehr.
Dieser Mann war nicht geisteskrank. Er wusste, was er tat und entmachtete so die scheinbar Mächtigen. Er wusste um die Beschränktheit der Wärter und er liebte die anderen Gefangenen.
Liebe ist die stärkste Macht. Und sie wird gerade da deutlich, wo man auf blinde Machtausübung verzichtet.
Jesus entäußerte sich all seiner Macht und wurde Mensch, um ohne Widerstand sich hinrichten zu lassen (Philipper 2, 5-11).
Er wurde ohnmächtig, damit wir in unserer Ohnmacht nicht alleine sind und teilhaben können an seiner Liebe und Hoffnung, wo wir schon längst resigniert haben.
Ich möchte von dem Gefangenen und Jesus lernen, nicht zuzuschlagen, sondern zunächst die Situation und die Umstände zu erkennen und zu verstehen, um dann in Liebe bedacht und konsequent zu handeln.
Wer so vorgeht, der ist nicht mehr blind und ohnmächtig, sondern hat die Chance, für sich und den anderen etwas positiv zu verändern.
Lars Reinhardt