Leseprobe Juni 2003


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Rückfall – Chance oder Katastrophe?

Konstruktive Bewältigung

Fast jeder Suchtkranke und Helfer hat Erfahrungen mit einem Rückfall gemacht. Dr. med. Thomas Redecker, Leitender Arzt der Fachklinik am Hellweg in Oerlinghausen, erläutert, welche Chancen und Risiken ein Rückfall aufweist:

Kaum ein anderes Ereignis wird in der Suchtkrankenhilfe emotionaler und kontroverser diskutiert als der so genannte Rückfall. Dabei beschreibt der Rückfall nur die einfache Tatsache, dass ein (abhängiger) Mensch, der sich entschieden hat, suchtmittelfrei zu leben, erneut (s)ein Suchtmittel konsumiert hat.

Art des Suchtstoffes, Grund, Menge und Dauer des Konsums sind in der ersten Beurteilungsphase zweitrangig und bekommen erst bei differenzierter Betrachtung des Rückfallgeschehens eine wichtige Bedeutung. Für den einen ist der Vollrausch ein Rückfall, für den anderen ist der Genuss einer alkoholhaltigen Schwarz-wälder Kirschtorte bereits der Rückfall.

Der Rückfall ist unbestritten ein wesentliches Symptom der Abhängigkeitserkrankung.

Wenn jemand wieder Alkohol trinkt

Die folgenden Ausführungen beziehen sich im Wesentlichen auf den erneuten Konsum von Alkohol (Rückfall). Nach meiner Ansicht handelt es sich nur dann um einen Rückfall, wenn der betroffene Mensch zuvor freiwillig und aufgrund eigener Überzeugung erklärt hat, dass er ohne (s)ein Suchtmittel (suchtmittelfrei) leben will.

Konsumieren Menschen, die sich noch nicht für eine Abstinenz entschieden haben, erneut Alkohol, wird ein alkoholfreies Intervall beendet (Trinkpause). Für dieses Ereignis wird häufig der Begriff Rückfall benutzt, obwohl er meiner Auffassung nach nicht zutreffend ist, weil sich der betroffene Mensch noch nicht für die Suchtmittelfreiheit entschieden hat.

Therapeutischer Umgang mit dem Rückfall

Im Folgenden wird das Rückfallgeschehen aus therapeutischer Sicht betrachtet. Wichtig dabei ist, das Rückfallgeschehen, die auslösende Situation und die aufrechterhaltenden Bedingungen zu erfassen. Aus verhaltenstherapeutischer Sicht kann sich der Rückfall auf drei Ebenen ankündigen:

  1. Die körperliche Ebene

    Hier kündigt sich der Rückfall an durch Symptome des vegetativen Nervensystems (Sympathikusaktivierung) in Form von Unruhe, Zittern, Herzklopfen, Schweißausbruch, Schlafstörungen und anderen körperlichen Erscheinungen, die nicht auf eine krankhafte Veränderung eines Körperorgans zurückzuführen sind. Suchtkranke Menschen haben erfahren, dass sie durch wiederholte Einnahme ihres Suchtmittels (zum Beispiel Alkohol) diese als unangenehm erlebten vegetativen Symptome beseitigen können (negative Verstärkung). Gelegentlich werden diese körperlichen Phänomene in Verbindung mit der kognitiven Ebene ("vom Kopf her verstanden", d. Red.) als Suchtdruck oder Saufgier bezeichnet, wobei dieser Ausdruck selten spontan von suchtkranken Menschen benutzt wird.

  2. Die gedankliche Ebene

    Der Rückfall findet häufig im Kopf statt und wird auf der gedanklichen Ebene durchgespielt. Der Betroffene hofft, durch den Konsum des Suchtmittels (wie Alkohol) sowohl die körperlichen Missempfindungen als auch die quälenden Gedanken zu beseitigen. Häufig weiß der Betroffene, dass diese Besserung nur kurzfristig, der Schaden aber langfristig wesentlich größer ist. Typische negative Kognitionen ("negative Schlussfolgerungen", d. Red.) sind:


  3. Die emotionale Ebene

    Auf dieser Ebene können unangenehme, emotionale Zustände beschrieben werden, die häufig vor dem Rückfallgeschehen bei den betroffenen Menschen auftreten. Diese negativen Gefühlszustände sind zum Beispiel Angst, Ärger, Wut und Traurigkeit. Diese Emotionen stehen auch mit den zuvor beschriebenen körperlichen Symptomen und den negativen Kognitionen in Beziehung.

    Allerdings können auch positive Emotionen wie Glück, Zufriedenheit und Freude Auslöser für den erneuten Konsum sein, häufig verbunden mit der unrealistischen Erwartung, "noch einen draufzusetzen".

    Wichtig ist, dass die Trennung in diese drei Ebenen künstlich ist. Sie dient dazu, diesen komplexen Vorgang zu beschreiben. Die drei Ebenen sind miteinander verstrickt, sodass häufig erst nach einem längeren therapeutischen Prozess die Bedeutung der einzelnen Ebenen herausgearbeitet werden kann.

Alternative Lösungen aufzeigen

Treten die Vorzeichen des Rückfalls auf und sind verbunden mit der Erwartung, keine alternativen konstruktiven Möglichkeiten zur Bewältigung zu haben, steht der Rückfall, als die wiederholte Einnahme des Suchtmittels, kurz bevor. Ziel ist dabei, die unangenehmen körperlichen, gedanklichen und emotionalen Zustände zu überwinden.

Ein wesentlicher Schritt in der Arbeit der Selbsthilfegruppe und in der Therapie ist es, rückfallgefährdenden Situationen durch effektive, alternative Problemlösestrategien zu begegnen. Das kann sein, über den Rückfall zu sprechen, sportliche Aktivität oder anderes.

Hintergrund eines Rückfalls kann auch eine noch nicht abgeschlossene körperliche Entgiftung sein. Das zeigt sich darin, wenn er Ausdruck eines starken Wunsches oder einer Art Zwanges ist, die psychisch wirksame Substanz zu konsumieren. Dieses Phänomen muss gerade in den ersten Tagen der Entgiftung berücksichtigt werden.

Die Stärke dieses "körperlichen Zwanges" ist abhängig davon, wie lange das Suchtmittel genommen wurde, von der konsumierten Substanz und von der Halbwertzeit des Wirkstoffes. Dieses Phänomen kann beispielsweise bei Benzodiazepinen (Tranquilizer mit angsthemmender, beruhigender oder entspannender Wirkung) bzw. Medikamentenabhängigkeit noch Wochen nach der letzten Einnahme auftreten.

Aus dem Geschehen lernen

Die Angehörigen ebenso wie die Suchtkranken selbst stellen häufig die Frage, ob das Rückfallgeschehen eine Katastrophe ist oder als Chance genutzt werden kann. Das ist eine ganz wichtige Frage. Sie ist abhängig von der aktiven Kontrollerwartung des abhängigen Menschen.

Professor Joachim Körkel hat dazu das spannende Buch "Rückfall muss keine Katastrophe sein" (erschienen im Blaukreuz-Verlag Wuppertal) geschrieben, das sehr lesenswert ist und wichtige Grundaussagen zu diesem Thema macht. Der Rückfall ist dann eine Katastrophe, wenn der konsumierende Mensch weiter trinkt mit dem Gedanken: "Das hat doch alles keinen Sinn" oder "Ich schaffe es ja doch nicht". Dann wird er sich gegen Ausstiegshilfen aus dem Teufelskreis der Sucht entscheiden und weiter konsumieren.

Als Konsequenz daraus schädigt er sich weiter körperlich, seelisch und psychosozial. Verfügt der suchtkranke Mensch über konstruktive Bewältigungsstrategien, alternativ mit dem Rückfall umzugehen, dann hat er sehr gute Chancen, aus dem Geschehen zu lernen. Gelingt es ihm, mit den gelernten Problemlösestrategien den Rückfall zu stoppen, kann er eine aktive Bewältigungskompetenz entwickeln. Sie bestärkt ihn in der Gewissheit, langfristig abstinent leben zu können.

Es gelingt ihm so, aus dem Teufelskreis der Sucht auszubrechen und seine eigene Selbstbewältigungskompetenz wird größer sein als die rückfallgefährdenden Situationen.

Der Traum vom kontrollierten Trinken

Das bedeutet jedoch nicht, dass der Betroffene dann in der Lage ist, kontrolliert zu trinken – ein Traum, den jeder Mensch hat, der Suchtmittel missbräuchlich nimmt. Für suchtmittelabhängige Menschen wird dieser Traum aber zu einem Alptraum, denn sie gelangen langfristig wieder in den Teufelskreis der Sucht. Hier ist sehr viel Aufklärung und differenzierte Betrachtungsweise notwendig.

Dieses ist umso schwerer, weil sich häufig eine Schwarz-Weiß-Lebenshaltung eingestellt hat, die diese differenzierte Betrachtungsweise erschwert.

Es gibt die Möglichkeit des kontrollierten Trinkens. Und zwar für die Menschen, die riskant oder schädlich Suchtmittel konsumieren, bei denen also keine Kriterien der Suchtmittelabhängigkeit nachzuweisen sind. Wichtige Kriterien der Suchtmittelabhängigkeit sind für mich:

Liegen Kriterien der Abhängigkeit vor, ist für diese Menschen das kontrollierte Trinken nicht mehr erreichbar.

Mit dem Rückfall umgehen

Im nächsten Abschnitt soll die Frage beantwortet werden, welche Möglichkeiten der betroffene Mensch hat, um mit einem sich ankündigenden Rückfallgeschehen umzugehen.

Aus unserer Sicht haben sich folgende Verhaltensweisen bewährt:

Wenn es zum erneuten Konsum gekommen ist, sind folgende Schritte empfehlenswert:

Dr. med. Thomas Redecker,
Leitender Arzt der Fachklinik am Hellweg in Oerlinghausen

 

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe "Rückfall":

  1. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Thema "Rückfall" bereits gemacht?
  2. Was könnte zu einem Rückfall führen?
  3. Was haben Sie aus einem Rückfall gelernt?
  4. Wie können Angehörige mit einem Rückfälligen umgehen?

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