Leseprobe Januar 2004


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Meine Lebensführung annehmen

Das Leben - ein Garten?

Das Leben wird oft mit einem Garten verglichen. An einer Stelle stimmt dieser Vergleich mit Sicherheit: Kein Garten gleicht dem anderen, so wie auch kein einziges Leben dem anderen gleicht.

Aber nun leben manche Menschen so: Statt ihren eigenen Garten zu bearbeiten, stehen sie am Zaun und haben nur Blicke für Nachbars Garten. Alles ist dort viel schöner, die Lage ist viel besser - ein guter Boden - mehr Sonne - eine Farbenpracht von Blumen - schattige Bäume ... Was da alles wächst!

Dagegen der eigene Garten: so begrenzt - steiniger Boden - schlechte Erde - so schlechte Möglichkeiten: da kann ja nichts wachsen!

Es sind Menschen, die sich ständig beklagen, was für ein schwieriges Leben sie haben. Aus ihrer Sicht geht es allen anderen viel besser als ihnen. Sie selbst fühlen sich irgendwie zu kurz gekommen. Vielleicht nicht offen, aber in ihrem Herzen klagen sie Gott an, dass er ihnen kein besseres Leben beschert hat. Eine tief sitzende Bitterkeit bestimmt oft das Leben solcher Menschen.

Unterschiedliche Startchancen

Nun ist es natürlich richtig, dass die Startchancen im Leben durchaus unterschiedlich verteilt sind. Oder es gibt Ereignisse im Laufe des Lebens, die meinem Leben eine Richtung gegeben haben, die ich mir nie ausgesucht hätte. Das Leben setzt uns Grenzen - Grenzen, die uns oft nicht gefallen.

Vielleicht durfte ich nicht den Beruf erlernen, den ich gern gelernt hätte. Oder ich habe nicht den richtigen Ehepartner gefunden. Oder es ist mir versagt geblieben, Kinder zu bekommen. Oder ich bin einfach am falschen Ort aufgewachsen ... Oder meine finanziellen Mittel sind so begrenzt, dass ich nie die Welt bereisen konnte, was ich so gern getan hätte. Oder es ist eine bestimmte Krankheit, die mein Leben einschränkt.

Doch setzen nicht nur schwierige Umstände meinem Leben Grenzen, sondern auch gute. Es ist mir unvergesslich, wie sich eine junge Frau einmal bitter bei mir beklagte: Meine Eltern haben mir bisher im Leben alles abgenommen. Und jetzt? Alle anderen wissen, wie man putzt und wäscht und kocht - nur ich nicht! Jetzt steh ich richtig blöd da.“

Es gibt kein Leben ohne Grenzen. Auch da stimmt der Vergleich mit dem Garten. Jeder Garten ist von einem Zaun umgeben, der eindeutig die zur Verfügung stehende Fläche festlegt. Genauso hat mein Lebensraum einen bestimmten Rahmen, der mir durch meine Grenzen gesetzt ist. Es ist eine Lebenswahrheit, an der ich nicht vorbeikomme.

Trotz dieser Grundwahrheit gibt es zwei Möglichkeiten, wie ich mit den Grenzen in meinem Leben umgehen kann:

Grenzen erweitern

Ich muss nicht alle Grenzen einfach akzeptieren. Gibt es zum Beispiel wirklich keine Möglichkeit, beruflich noch einmal etwas anderes zu lernen? Wenn ja, was würde es kosten? Wie hoch ist der Preis dafür? Will ich diesen Preis bezahlen? Oft halten Menschen eine Grenze für unabänderlich, sind aber im Grunde nur nicht bereit, den Preis für eine Änderung zu bezahlen.

Ein junges Ehepaar fragte mich um Rat, wie es besser mit den Eltern auskommen könnte, in deren Haus sie eine Wohnung hatten. Die Mutter des Mannes mischte sich ständig in alles ein, was zu einem langsam zermürbenden Dauerstreit geführt hatte.

Ich schlug ihnen vor, doch auszuziehen und sich eine andere Wohnung zu suchen. „Aber nein“, sagten sie, „das geht nicht, da müssten wir ja so viel Miete bezahlen.“

Sie beklagten den Zustand, aber den Preis für ein freieres - auch konfliktfreieres - Leben waren sie nicht bereit zu bezahlen. Selbstgesetzte Grenzen.

Grenzen akzeptieren

Aber es gibt natürlich auch Grenzen, die unabänderlich sind. Die Vergangenheit kann ich nicht mehr verändern. Alle „Wenn“-Sätze, die sich auf die Vergangenheit beziehen, versuchen dies zwar, doch ist es einfach nicht möglich. „Wenn ich nur damals diese Stelle angenommen hätte ...“ „Wenn meine Mutter nicht so früh gestorben wäre ...“ Alle diese „Wenn“-Sätze helfen im Grunde nicht weiter. Es hilft nur, die Vergangenheit zu akzeptieren, wie sie gewesen ist.

Das heißt nicht, dass ich alles gut heißen muss, was war, aber ich muss ein Ja dazu finden, dass es nicht mehr korrigierbar ist. Das ist oft mit Trauer und Schmerzen verbunden. Vielleicht muss ich auch dem einen oder anderen Menschen vergeben, der mich in der Vergangenheit verletzt hat.

Nur so kann ich beginnen, mich mit meiner Vergangenheit auszusöhnen. Vielleicht muss ich mich auch mit Gott aussöhnen, der mir meine Wünsche und Träume, die ich fürs Leben hatte, nicht erfüllt hat.

Aussöhnung braucht Zeit

Sich aussöhnen heißt, sich einverstanden zu erklären mit dem, was ist. Sich einverstanden zu erklären damit, wie Gott mich führt, auch wenn es schwere Wege sind, auch wenn ich es nicht verstehe.

Sich auszusöhnen soll aber nicht bedeuten, auf eine Sache einfach einen „frommen“ Deckel zu stülpen. Aussöhnung braucht Zeit, es geht über Phasen der Auflehnung, der Schmerzen, vielleicht auch der Verzweiflung.

Und doch liegt es letztlich an mir, wie ich mich entscheide: Will ich mich auf den Weg der Aussöhnung machen oder im Hadern stecken bleiben?

„Ich will nicht bitter werden“, sagte eine junge Frau zu mir, deren Mann mit 30 Jahren plötzlich tot am Arbeitsplatz umgefallen war und sie mit zwei kleinen Kindern und ohne finanzielle Versorgung zurückließ. Da gibt es keine Erklärungen mehr. Da kann ich bloß für mich diese Entscheidung treffen, die diese junge Frau getroffen hat: „Ich will nicht bitter werden. Deswegen will ich mich auf den Weg der Aussöhnung machen.“

Meinen Lebensgarten bebauen

Jeder Garten hat einen Zaun (eine Grenze), der die Fläche umschließt, auf der etwas wachsen kann. Es gilt also nicht nur die Grenzen zu sehen, sondern auch die Möglichkeiten in den Blick zu nehmen, die es in meinem - und in jedem - Leben gibt.

Ich muss also erst einmal meinen Blick vom Nachbargarten weg auf meinen eigenen Garten lenken. Aufhören zu vergleichen! „Alle Not kommt aus dem Vergleichen“, meinte ein guter Freund von mir. Und dann muss ich mir Zeit nehmen, meinen eigenen Garten ausführlich zu betrachten.

Welche „Beete“ in meinem Lebensgarten warten nur darauf, dass sie bearbeitet und genutzt werden? Was könnte dort wachsen? Was könnte ich da pflanzen? Es gibt nirgendwo nur Negatives, nur Grenzen, sondern in jeder Lebenssituation gibt es auch Möglichkeiten und Chancen. Diese Chancen gilt es zu entdecken und anzupacken.

Wenn ich lerne, auch das Gute zu sehen, das es in meiner derzeitigen Situation gibt, wird es mir leichter fallen, das, was nicht sein kann, anzunehmen. Ich werde dankbar, dankbar für das, was ist, und beklage nicht nur, was nicht ist. Und Dankbarkeit ist die beste Medizin gegen Bitterkeit, die es gibt.

Ulla Schaible

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Die Lebensführung annehmen“:

  1. Hatten Sie gute Startchancen für Ihr Leben?
  2. Wofür sind Sie in Ihrem Leben dankbar?
  3. Mit welcher Begrenzung müssen Sie leben?
  4. Was möchten Sie in Ihrem Leben noch verwirklichen?


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