Leseprobe März 2004


zurück zum BK

 

Gottes Beispiel - unser Maßstab

Eine Beurteilung, die alles ins richtige Licht rückt

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge?
Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!
(Lukas 6,36.37.41.42)

Der Apostel Paulus schreibt in einem Brief an die Christen in Ephesus, dass sie dem Beispiel Gottes folgen sollen, denn schließlich sind sie die geliebten Kinder Gottes (Epheser 5, 1). Die Frage stellt sich nun, um welche göttlichen Beispiele es denn geht, und vielleicht wird mancher Leser spontan an die Bitte im Vater unser denken: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Soll das nun heißen, dass das Geschenk der Gotteskindschaft mit Auflagen verknüpft ist und Gott Forderungen stellt, die möglicherweise mit menschlicher Kraft unerfüllbar sind?

Sicher nicht. Eher läuft es wohl dahinaus: In der Gemeinschaft mit Gott leben, verändert uns. Das ist ein fortschreitender Prozess göttlicher Erziehung. Durch seinen Geist bekommen wir eine neue Gesinnung. In unserem Bibeltext stoßen wir auf einige Beispiele der Barmherzigkeit Gottes, die Maßstab für unser Handeln sein sollen.

Sei barmherzig und zeige dein Herz

Ein barmherziger Mensch nimmt mit dem Herzen Anteil an der Not des anderen. Wir leben in einem Land mit einem engen sozialen Netz und vielfacher Lebensberatung. Dafür sollten wir dankbar sein. Wir erleben aber auch, dass solche Hilfen zu einem Job werden können. Oft fehlt dabei die Barmherzigkeit. Dieses Thema ließe sich ausweiten, das soll aber hier nicht wichtig werden.

Wir wollen uns vielmehr daran erinnern, dass Gott uns mit unbegreiflicher Barmherzigkeit ständig begegnet, und wir sollen diesem Beispiel folgen.

Wie viele leidbetroffene Menschen leben in unserem Umfeld, für deren äußere Bedürfnisse zwar irgendwie gesorgt ist, aber sie erfahren dabei keine herzliche Zuneigung. Füllen wir doch diese Lücken aus und erbarmen uns ihrer, so wie Gott sich unser erbarmt hat, und zeigen ihnen unser Herz.

Sei barmherzig und richte nicht

Wie schnell wird einer unbarmherzig falsch beurteilt. Der Betreffende ist dann oftmals abgestempelt, was mitunter einer Verurteilung gleichkommt. Hier liegt auch die Wurzel für ein Handeln, das man heute Mobbing nennt.

Jesus will hier vorbeugen und sagt zu uns: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?“

Auch Christen stehen in der Gefahr einer unbarmherzigen, wenn oft auch unbewussten Beurteilung. Vielleicht ist es Neid, da steht der andere mir im Wege, der Kollege ist mir unsympathisch, oder ich verschaffe mir eine Größe, indem ich den anderen erniedrige. Gründe gibt es hier zahlreich. Auch hier gilt Gottes Beispiel.

Er sieht uns an mit Augen der Liebe und sucht nicht Balken oder Splitter in unserem Auge. Unser Leben ist voller Begegnungen und oft verbunden mit der nicht zu umgehenden Notwendigkeit einer Beurteilung.
Hier gilt: Sei barmherzig und richte nicht.

Sei barmherzig und vergib

Es war 1954. Ich war noch Student und hatte einen Gottesdienst zu halten. In der Predigt ging es um die Vergebung.

Es mag wohl sein, dass jugendlicher Eifer damals schärfer formuliert hatte, als ich es heute tun würde. Die Abweisung kam auch prompt. Ein Mann stellte mich zur Rede und sagte etwa so: Wenn du jahrelange russische Kriegsgefangenschaft hinter dir hättest, dann würdest du nicht so leicht und vollmundig über Vergebung sprechen.

Nun, ich spreche heute leiser über Vergebung, andererseits aber deutlicher. Diese Forderung Gottes lässt sich nicht mildern. Das Beispiel des Vaters im Himmel hat auch hier die Maßstäbe gesetzt. Er hat mir durch Jesus Christus alle Schuld vergeben und will, und das mit seiner Hilfe durch seinen Geist, dass auch ich vergebe.

Hans-Günther Sachse

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Barmherzigkeit“:

  1. Was verbinden Sie mit dem Begriff „Barmherzigkeit“?
  2. Wo haben Sie schon einmal Barmherzigkeit konkret erlebt?
  3. Was glauben Sie erschwert es, barmherzig zu sein?
  4. Wo würden Sie gerne barmherzig(er) sein?


zurück zum BK