Leseprobe Juni 2004 |
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Wohl kaum eine Krankheit wirkt sich so verheerend auf die Familie aus wie die Alkoholsucht. Rund zwei Millionen Kinder in Deutschland leben mit der Alkoholabhängigkeit eines oder beider Elternteile. Sie sind dem Karussell des Leugnens und der ständigen Angst machtlos ausgeliefert.
Die Kinder lernen, ihren Eltern nicht zu trauen und ständig auf der Hut zu sein. Sie werden zu Kontrolleuren des trinkenden Vaters oder der trinkenden Mutter missbraucht. Selbst wenn die Kinder das Elternhaus verlassen, die Spuren bleiben haften – oft lebenslang. Doch es gibt Hilfen und Wege aus dem familiären Suchtsystem.
Auf dem Couchtisch im Wohnzimmer zwei Schalen Bonbons. Daneben Flaschen mit Wasser. Früher war der Tisch bei Schulzes voll gestellt mit Weinflaschen oder Bierdosen. „Unsere Eltern haben morgens schon angefangen zu trinken. Statt Frühstück standen noch angebrochene Flaschen vom Vorabend auf dem Tisch.“
Jens und seine jüngere Schwester wurden häufig ins Kino geschickt, wenn die Eltern zu Hause tranken. Jens zog sich zurück, verstummte. Wenn er über seine Eltern heute spricht, fängt er heftig an zu stottern. Den Sprachfehler ist er nie los geworden. Die Eltern konnten sich um das Wachsen und Gedeihen der Kinder nicht kümmern, konnten sie sich doch kaum um sich selbst kümmern. Damals zählte nur der Alkohol.
Jakobine Schulze zeigt ein Passfoto aus der „Saufphase“, die inzwischen zehn Jahre zurück liegt. Jakobine Schulze ist jetzt trockene Alkoholikerin wie ihr Mann auch. „Damals, als ich getrunken habe, ist mir das gar nicht aufgefallen, wenn die Kinder ihre Hilferufe ausgesendet haben. Sie malten mit Ketchup oder mit Filzstiften an den Wänden herum. Waren aufmüpfig.“
Joachim Schulze nimmt das alles mit. Er bedauert, die Jahre mit seinen Kindern verloren zu haben. Gerade deshalb ist es ihm und seiner Frau heute wichtig, darüber zu sprechen. „Durch die Sucht haben wir auf alle Fälle den Kindern gefehlt, als sie uns am meisten gebraucht haben. Auch wenn wir in der Wohnung anwesend waren, für die Kinder waren wir nicht erreichbar.“
Eltern, die trinken, können sich, wenn sie den Willen dazu haben, aus der Abhängigkeit befreien. Kinder aber sind der Sucht ihrer Eltern schutzlos ausgeliefert. An die Folgen haben Jakobine und Joachim Schulze damals nicht gedacht. Beide Kinder waren in ihrer Entwicklung gestört. Jeanette und Jens hatten keine Wahl. Sie mussten sich dem kranken Familiensystem anpassen. Eine tiefe Scham grub sich in ihrem Inneren ein.
Jeanettes Augen blicken bis heute traurig. „Mir war das immer peinlich, wenn meine Mutter mich betrunken von der Schule abgeholt hat. Und wenn ich dann die Klassenkameraden sah, wie die mit ihren Eltern umgegangen sind, und wie die Eltern mit den Kindern umgehen – da habe ich mir immer gewünscht, auch solche Eltern zu haben“, erzählt Jeanette.
Eines Tages der Einschnitt. „Ich holte Jeanette ab und hatte zu Hause schon etwas getrunken. Auf dem Weg nach Hause sind wir quer über die Straße gelaufen, obwohl fünf Meter weiter eine Ampel stand. Sie riss sich los und saß vorn auf dem Motorradlenker. Der Fahrer ließ sich fallen, damit er sie nicht noch mehr mitschleppte. Da habe ich mir natürlich die Schuld gegeben. Hätte ich nicht gesoffen, wäre das nicht passiert. Ich bin heute Gott dankbar, dass ich sie noch habe.“
Für Jakobine Schulze war dies der Wendepunkt. Von diesem Zeitpunkt an hörte sie auf zu trinken. Ihr Mann wenig später auch. „Durch unsere Trockenheit haben wir beide einen Familientherapeuten aufgesucht. Für die Kinder haben wir uns um eine Therapie bemüht, schließlich wollten wir alle etwas ändern.“
Die Kinder mussten jetzt mit trockenen Eltern umgehen. Auch das war nicht einfach. „Jetzt erst merkten wir, wie schwierig die Kinder waren. Da habe ich oft abends gesessen und geheult, wenn die Kinder im Bett lagen. Erst von dieser Zeit an war mir bewusst, was wir den Kindern angetan haben. Da hätte ich öfter mal einen Grund gehabt, wieder zur Flasche zu greifen.“
Doch seit zehn Jahren sind Jakobine und Joachim Schulze trockene Alkoholiker. Regelmäßig besuchen beide eine Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke.
Der Vater versucht, den beiden Heranwachsenden Nähe und Unterstützung zu geben. Dafür sei es nie zu spät, hofft er. Auch wenn sich die Eltern von der Schuld nicht mehr in ihrer Handlungsfreiheit blockieren wollen, machen sie sich Vorwürfe. „Das ist ihre Kindheit, die kann man nicht nachholen. Das ist schade. Ich versuche jetzt, seit ich trocken bin, den Kindern das zu geben, was ich noch geben kann. Liebe, Zuneigung, die Kinder in die Arme nehmen. In der nassen Zeit konnten wir das nicht, da fehlte die Wärme und Vertrauen“, sagt Jakobine Schulze.
Jeanette setzt sich oft zu ihr, schmust mit der Mutter. Doch sich eine heile Familie vorzugaukeln, das könne sie nicht. „Ich habe zu Mutti gesagt, dass sie das wahrscheinlich nie wieder gut machen kann. Die Schmerzen, die ich damals hatte, die habe ich heute manchmal noch, wenn ich daran denke. Ich glaube, diese Erinnerungen werden auch niemals vergehen.“
Christel Sperlich