Leseprobe Juli 2004


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Wenn mich Angst überfällt

Ursachen erkennen und überwinden

Ich habe Angst vor Menschen und leide darunter, sehr verschüchtert und unsicher zu sein. Wenn ich mit anderen Leuten zusammen war, überlege ich ständig, ob ich alles richtig gemacht habe, und grüble noch tagelang darüber nach.

Doch das Schlimmste ist, dass ich diese Eigenschaft auch bei meiner Tochter entdecke.
Können Sie mir sagen, wo die Ursache meiner Ängstlichkeit liegt und wie ich es schaffen kann, mutiger zu werden? N.N.

Etwas Angst haben wir alle. Angst kann eine schützende Begleiterin sein: sie mahnt uns zur Vorsicht, wenn wir eine belebte Straße überqueren, sie spornt uns vor einer Prüfung zum Lernen an oder beeinflusst unseren Umgang mit anderen Menschen. Doch Angst wird dann zum Feind, wenn sie uns einschränkt, belastet oder quält.

Ursachen von Angst

Verschiedene Faktoren wirken bei der Angst zusammen. Da ist zuallererst die Vererbung. Jedes Kind kommt mit einem Startkapital auf diese Welt. Gott beschenkt uns mit einem ganzen Schatz voller Gaben, daneben bringen wir aber auch unsere Schwächen mit.

Die Fachzeitschrift „Psychologie heute“ fasst neuere Forschungsarbeiten über den Einfluss der Vererbung so zusammen: „Besonders Offenheit für neue Erfahrungen, also wie originell, kreativ, phantasievoll und künstlerisch ein Mensch ist, wird nach dieser und vielen anderen Erhebungen stark von den Genen bestimmt. Aber auch Gewissenhaftigkeit, Geselligkeit …, Verträglichkeit, emotionale Stabilität und Anfälligkeit gegenüber Stress wird erheblich von den Anlagen gespeist …“

Die Zeitschrift stützt sich auf das Fazit des Psychotherapeuten Fritz Riemann: „An der Bedeutung der Gene für die Persönlichkeitsentwicklung gibt es keine Zweifel mehr.“ Es scheint also eine erbliche Vorbelastung für eine sensible Grundpersönlichkeit zu geben, was vielleicht auch bei Ihrer Tochter zutrifft. Die Erbanlagen bilden jedoch keine absolut starre Form, an der sich nichts mehr verändern lässt. Unsere Persönlichkeit wächst in einer Art Ping-Pong-Spiel mit unserer Umwelt.

Das lässt sich besonders gut bei kleinen Kindern beobachten. Mit ihrem Temperament locken sie bestimmte Verhaltensweisen bei den Eltern hervor: jämmerliches Weinen fördert liebevolle Zuwendung, wütendes Schreien entfacht Ärger, ängstliches Zurückweichen führt vielleicht zu Überbehütung. Die Angst der Mutter kann also auch die Angst der Tochter verstärken.

Trotzdem können wir die Ursachen für ein störendes Empfinden nicht einfach in der Vergangenheit suchen und auf negative Einflüsse von anderen abschieben. In unserem Leben wirkt neben der Vererbung und der Umwelt nämlich noch eine dritte Kraft: unser Wille. Bis zu einem gewissen Grad können wir selbst bestimmen, wohin die Reise gehen soll.

Im Laufe des Lebens bilden wir – oft unbewusst – unsere ganz persönliche Lebenseinstellung. Bei ängstlichen Menschen kann diese heißen: „Ich fühle mich erst sicher, wenn ich den anderen gefalle.“ Oder: „Ich fühle mich nur angenommen, wenn ich keine Fehler mache.“ Welche Lebenssätze haben Sie sich – wahrscheinlich unbewusst – angeeignet?

Wie die Angst kleiner wird

Es gibt ein paar Regeln, die bei der Angstbewältigung hilfreich sein können:

Sich dem Angst auslösenden Ereignis stellen. Flucht verstärkt die Angst. Deshalb ist es ganz wichtig, dass Sie sich trotz allem immer wieder mit anderen Menschen treffen. Nur so können Sie sich beweisen, dass Sie stärker sind als Ihre Angst.

Sich realistische Ziele setzen. So oft vergleichen wir uns mit anderen und fordern von uns, dass wir dasselbe leisten sollten wie sie. Wer sich Ziele steckt, die er nicht erreichen kann, fühlt sich schnell als Versager.

Umgeben Sie sich mit Menschen, die Verständnis für Ihre zurückhaltende Art haben. Mut bedeutet nicht, dass wir ständig das Unmögliche wagen, sondern dass wir uns unseren Begabungen und Kräften entsprechend einsetzen.

Negative Gedanken ersetzen. Feinfühlige Menschen brauchen oft etwas Zeit, um eine verletzende Bemerkung zu verarbeiten. Doch irgendwann muss Schluss sein mit dem Grübeln. In den Psalmen finden wir Gebete, die uns eindrücklich zeigen, wie negative Gedanken gestoppt werden könnten: Zuerst beschreibt der Verfasser, wie sehr er sich von anderen bedroht fühlt, wie ungerecht die Welt ist, wie mies er sich vorkommt.

Nach etlichen Zeilen – manchmal dauert es eine Weile – dringt er dann zu einem Gedankenwechseldurch. Mitten in seiner inneren Not lenkt er seine Aufmerksamkeit auf Gottes Stärke und Hilfe. Es kann auch heute eine Hilfe sein, seine schweren Gedanken aufzuschreiben und sich dann Gottes Verheißungen als Antwort zuzusprechen.

Sich schützen lernen. Dass uns Worte tief treffen können, liegt nicht nur an anderen Menschen, sondern auch an unserer zu dünnen Haut. Allzu oft nehmen wir die Worte des Gegenübers für bare Münze und fühlen uns bis ins Innerste in Frage gestellt. Wie spitze Pfeile dringen diese Worte in unser Herz, obwohl unser Gegenüber das vielleicht gar nicht beabsichtigt und nur seine Meinung gesagt hat.

Deshalb ist es wichtig, dass sich sensible Menschen mit einer etwas dickeren Haut schützen lernen. Wir sollen die Anliegen unserer Umgebung wahrnehmen, doch wir dürfen uns davon nicht zerstören lassen. Worte sagen nur beschränkt die „Wahrheit“ über den Empfänger einer Botschaft aus. Sie beschreiben vor allem den Zustand der sprechenden Person. Wenn uns beispielsweise jemand Vorwürfe macht, drückt er damit zuerst einmal seine Unzufriedenheit aus.

Ob wir wirklich falsch gehandelt haben, ist damit nicht sicher. Jesus formulierte dies einmal sehr treffend: „Böse Worte kommen aus einem bösen Herzen, und sie beschmutzen den Menschen, der sie ausspricht“ (Matthäus 15, 18).

Wie wäre es, wenn wir hinter einem unsichtbaren Spiegel in Deckung gehen würden? Wenn andere etwas zu uns sagen oder uns etwas vorwerfen, spiegeln wir das zuerst einmal zurück, ohne uns angegriffen zu fühlen oder verletzt zu sein – wir überlegen uns, warum der andere dies gesagt hat. Vielleicht ist er selbst unsicher oder verletzt und schüttet einfach seinen Frust über uns aus. Wir können lernen, in Ruhe zu prüfen, ob die Worte gerechtfertigt sind. In einem zweiten Schritt können wir überlegen, ob wir etwas verändern müssen.

Die Lebenseinstellung verändern. Oft hindern uns innere Lebenssätze an unserer Entfaltung. Warum nicht ein paar Fragezeichen dahinter setzen? „Stimmt es, dass ich keine Fehler machen darf? Lehnen mich die anderen dann tatsächlich ab? Bin ich nur wertvoll, wenn ich den anderen gefalle?“ Mit solchen Einstellungen geben wir anderen Menschen sehr viel Macht über uns. Sie bestimmen darüber, wie wir uns fühlen.

Es ist manchmal ratsam, die Meinung anderer weniger wichtig zu nehmen und ihnen bildlich gesprochen die „Luft rauszulassen“.

Ich beobachte immer wieder, dass wir viel höhere Anforderungen an uns selbst stellen, als andere Menschen oder gar die Bibel das tun. Vor Gott sind Sie ein sehr wertvoller Mensch, sein Geschöpf. Hüllen Sie sich in einen neuen Lebenssatz wie diesen, den Sie immer wieder innerlich wiederholen können: „Ich bin ein wunderbares Geschöpf Gottes. Er liebt mich, auch wenn ich Fehler mache.“

Annemarie Pfeifer
Aus Lydia – die christliche Zeitschrift für die Frau, Heft 2/02. Mit freundlicher Genehmigung.

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe "Ich habe Angst":

  1. Wovor haben Sie am meisten Angst?
  2. Wie gehen Sie mit Ihren Ängsten um?
  3. Haben Sie schon einmal eine Angst „verloren“?
  4. Können Sie Ihren Ängsten positive Seiten abgewinnen?


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