Leseprobe Oktober 2004 |
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Tun wir es nicht alle? Wir können es auch nicht lassen. Denn einkaufen müssen wir alle. Das Einkaufen wird uns so leicht gemacht. Doch immer mehr Menschen scheitern daran, in Maßen einzukaufen. Wie sicher und geschult sind wir eigentlich, „richtig“ einzukaufen?
Wahrscheinlich würde jeder zweite Ehemann annehmen, seine Frau sei gelegentlich im Kaufrausch, weil sie über das Erwerben notwendiger Dinge hinaus gerne „shoppen“ geht. Wer kennt das nicht: nach dem Ärger mit dem Chef oder mit dem Partner Frust- oder Belohnungseinkäufe als kleiner Höhepunkt im grauen Alltag.
Solche Frustkäufe, auch als „kompensatorische Käufe“ bezeichnet, haben psychisch die Funktion, Defizite kurzfristig auszugleichen und Problemen auszuweichen. Wären wir nicht alle überfordert, jedes Problem sofort anzugehen? Kaufsucht ist das aber nicht. Was ist Kaufsucht?
Es gibt sie, die Menschen, die immer wieder einen unwiderstehlichen Drang verspüren, in ein Geschäft zu gehen und etwas zu kaufen. Was treibt sie in den Konsumtempel?
Kaufsüchtige gehen aus dem Haus mit der Absicht, etwas zu kaufen. Sie sehen das Objekt ihrer Begierde und geraten in einen Erregungszustand, der erst immer stärker wird und dann in einen Schmerzzustand umschlägt. In diesem Augenblick wird gekauft. Das Gefühl, wenn das Geld durch die Finger rinnt, ist angenehm, man spürt sich.
Die momentane Entspannung hält ungefähr eine halbe Stunde an. Die Kaufsucht weist alle Symptome auf, die andere Süchte auch haben: Kontrollverlust, Dosierungssteigerung, Entzugserscheinungen. Laut Untersuchungen der Universität Stuttgart-Hohenheim ist Kaufsucht ein inzwischen weit verbreitetes Phänomen. Demnach sind 5 Prozent aller Erwachsenen krankhaft kaufsüchtig und 20 Prozent „deutlich“ kaufsuchtgefährdet. Doch wo fängt die Kaufsucht an?
Wie so viele Süchte kann auch diese nur gedeihen, wo Überfluss herrscht. Überfluss im Angebot, aber nicht in der Geldbörse. Jeder ist für sein Verhalten selbst verantwortlich, aber es lässt sich nicht verleugnen, dass wir eine Gesellschaft von Käufern sind.
Es ist schon sehr verlockend, was uns alles in den Schaufenstern, Versandkatalogen, Flohmärkten, Wurfsendungen oder über die Werbung (auch auf den Plakatwänden) angeboten wird. Der Konsum spielt eine zentrale Rolle. Die Lust auf Konsum wächst stetig.
Durch Werbung werden wir zur Kompensation und Problemlösung mit Hilfe von Gütern erzogen. Je mehr Geld einer besitzt, je mehr Geld er ausgibt, umso angesehener ist er.
Das Ideal in der Werbung ist der Versicherungen abschließende, trinkende und Urlaub machende Verbraucher. Verbrauchen sollen wir, damit immer wieder neu eingekauft werden kann. Es scheint so leicht, ein erfolgreicher Käufer zu sein.
Doch die Realität sieht anders aus, dabei ist es für viele zu einem gesellschaftlichen Ereignis geworden. Kaufen ist eine der wenigen Handlungen, wo die Familie noch etwas gemeinsam unternimmt. Ist aber das Einkaufen nicht eigentlich Nebensache? Oder ist es die Eintrittskarte für das richtige „Leben?“ Es vermittelt das Gefühl, gut drauf zu sein. Der Verbrauch wird gefördert. Nicht umsonst bieten uns die Supermärkte riesige Einkaufswagen an, in denen eine Tüte Bonbons oder eine Dose Limonade fast lächerlich aussehen. Es herrscht Kauf-Druck.
Die euphorische Stimmung, die Kaufsüchtige während des Kaufens und unmittelbar danach noch empfinden, wird schon bald durch Schamgefühle verdrängt. Das Rauscherleben ist relativ kurz.
Dass es keineswegs die Güter selbst sind, nach denen man süchtig wird, kann daraus abgelesen werden, wie mit ihnen umgegangen wird, wenn sie erst einmal gekauft worden sind: Häufig werden sie zu Hause gar nicht ausgepackt und entweder gar nicht oder nur einmal benutzt, sie werden achtlos weggeräumt, verschenkt oder aus Angst vor Vorwürfen der Familie versteckt oder weggeworfen. Aus dem Katalog bestellte Waren bleiben ungeöffnet in den Paketen, an den Kleidern hängen noch die Preisschilder, Lebensmittel werden im Keller gelagert und vergessen, bis das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist.
Was macht das Kaufen denn dann so unwiderstehlich? Es geht nicht um das Einkaufen an sich, sondern darum, mit dem Eingekauften die unguten Gefühle zum Schweigen zu bringen. Nicht der einmalige Rausch ist es, der einen zum Kaufsüchtigen macht, sondern das immer wieder auftretende Gefühl, sich etwas zu holen. Doch es gibt keinen Laden, in dem man sich Selbstsicherheit oder Glück kaufen kann. Hinter diesem Gefühl steht ein verzweifeltes Verlangen, „das Loch in der Seele“ zu füllen.
Grundlage ist meist eine unerfüllte Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung, Zuneigung, Respekt und Beachtung. Dies ist auch daran abzulesen, dass Kaufsucht sehr häufig mit Depressionen einhergeht. Die Interessen des Süchtigen verengen sich auf das Kaufen, das als einziges Befriedigungsmittel übrig bleibt. Es werden immer häufiger und immer teurere Dinge gekauft – bis es zu Entzugserscheinungen kommt, die von einer inneren Unruhe hin bis zu psychosomatischen Erkrankungen und Selbstmordgedanken führen können.
Kaufsucht ist eine eher unauffällige Sucht. Das Suchthafte daran bleibt oft lange unerkannt, und zwar sowohl von Süchtigen selbst als auch von der Umwelt. Kaufen ist gesellschaftlich nicht nur akzeptiert, sondern erwünscht.
Dazu kommt, dass Kaufen die Persönlichkeit nicht verändert, wie es bei stoffgebundenen Süchten der Fall ist. Geldprobleme können durch Kontoüberziehen, Kreditaufnahme oder Auflösen von Sparbüchern versteckt und hinausgeschoben werden. Kredit- und Kundenkarten erleichtern den Kauf auf Pump.
Sind die Konten überzogen und Kreditkarten gesperrt, werden Angehörige oder Freunde angepumpt. Und nicht selten führt der Schuldendruck zum Betrug. Familien- und Berufsleben werden vernachlässigt oder gar zerstört.
Durch den Einkauf von vielem können wir beweisen, dass wir dazugehören. In der heutigen Gesellschaft ist für immer mehr Menschen der Satz wichtig: „Was ich trage, das bin ich!“ („Kleider machen Leute“) Hier wird nach gesellschaftlicher, sozialer und beruflicher Anerkennung gesucht. Wer sich Markenkleidung nicht leisten kann, wird oftmals sogar verachtet und abgestempelt. Der schöne Schein ist mehr wert als Charakterstärke und berufliche Fähigkeiten.
Dieses Verhalten beginnt heute schon sehr früh. Wenn man in einer Clique dazugehören will, wird oft das Tragen bestimmter Markenartikel zur Bedingung gemacht. Durch die Kleidung werden Symbole für Reichtum und sozialen Status gesetzt. Die Kinder und Jugendlichen werden so nicht wegen einer äußerlichen Andersartigkeit ausgegrenzt. Gerade in der Pubertät beginnen sie ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln, und dabei spielt das Äußere eine große Rolle.
Dieser Lebensstil, der hohen Ansprüchen genügen will, wird den Kindern und Jugendlichen nicht selten von den eigenen Eltern vorgelebt. Das ist immens wichtig, um vor der Gesellschaft bestehen zu können.
Jugendliche mit Mut und genügend Selbstvertrauen wehren sich gegen den Markenzwang. Um also mit den Ansprüchen anderer mithalten zu können, überschätzen viele ihre eigenen finanziellen Möglichkeiten.
Wie kann man diesen Lebensstandard erhalten, wenn man sein Konto überzogen hat, alles auf Raten bestellt und die Schulden sich anhäufen? Bis zum wirtschaftlichen Zusammenbruch und zur Wohnungslosigkeit ist es nur ein kleiner Schritt. Sucht- und Schuldnerberatung sowie psychologische Unterstützung sind ein erster Schritt, ein neues Leben aufzubauen. Wichtig für den Therapieerfolg ist die Einsicht, krank zu sein, sowie die Bereitschaft, sich helfen zu lassen.
Gabiria Chirico-Schilk