Leseprobe Februar 2005 |
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Beides gehört zur Erfahrung des lebendigen Glaubens: das manchmal sogar über Bitten und Verstehen erhörte Gebet, das aus dem Staunen und dem Gotteslob kaum herauslässt, aber auch das andere: dass Gott ein Gebet nicht erhört - zumindest vorläufig nicht, und sogar gerade dann nicht, wenn es am dringendsten und nötigsten scheint.
Oder eben auch gar nicht. Türen schließen sich oder öffnen sich erst gar nicht. Eine Krankheit nimmt keinen guten Verlauf. Gott verbirgt sich, hört nicht, sieht nicht hin - so will es scheinen.
Das wirft die Frage auf nach dem „Wie“ des erhörten Gebets und - noch drängender - die Frage nach dem „Warum“ des nicht erhörten Gebetes. Es soll versucht werden, ein paar biblische Linien aufzuzeigen.
Die Anfechtung des scheinbar im Nichts verhallenden Gebetes kennt übrigens schon die Bibel selbst. So klagen einige der Psalmen über die Durststrecke des ernsten und ernstzunehmenden, aber nicht erhörten Betens (zum Beispiel Psalm 10; 13; 69; 88 und Ähnliche). Auch der Apostel Paulus erzählt davon (2. Korinther 12, 7-10), und die Evangelien berichten von jenem vergeblichen Bitten Jesu im Garten Gethsemane (Matthäus 26, 36-46). Selbst die „engsten Mitarbeiter“ Gottes und der Sohn Gottes bleiben davon nicht verschont.
Mir ist diese Beobachtung wichtig: Ein nicht erhörtes Gebet ist nicht zwingend die Folge eines unvollkommenen oder falschen Gebetes, und der betroffene Beter ist in Gottes Augen kein schlechter Mensch.
Die biblischen Antworten oder Hilfen bei der Frage nach dem nicht erhörten Gebet laufen in drei Richtungen:
1. Natürlich weiß die Bibel, dass es auch unlautere Motive hinter dem Gebet gibt: „Ihr bittet und empfangt nichts, weil ihr in übler Absicht bittet“ (Jakobus 4, 3). In der Tat, wie viel Egoismus, Selbstsucht oder auch einfach nur Unreife steht hinter so manchem Gebetswunsch; manchmal sieht man sogar schon recht bald, dass eine Erhörung nicht gut gewesen wäre, schon im Interesse des Beters selbst!
2. Allerdings ist ein Blick allein auf die Reife und Ehrlichkeit von Motiven beim Beten biblisch zu wenig und zu eng. Zu jeder Bitte, und sei sie noch so berechtigt und aufrichtig, gehört die Einschränkung: „Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ (Lukas 22, 42)!
Dabei geht es nicht einfach darum, falsche Motive auszuschließen, die dem Reich Gottes und einem selbst oder anderen schaden könnten. Vielmehr stellt der Beter so vertrauensvoll seine Wünsche und Vorstellungen in die sehr viel bessere und planvollere Perspektive Gottes. Diese Perspektive kann den eigenen Wünschen und Vorstellungen zuwiderlaufen, sodass Gebete erst einmal nicht erhört zu bleiben scheinen. Erst im Rückblick werden dann doch die Linien und die Fürsorge Gottes sichtbar.
Eine Krankheit wird zum Segen, unerwartet verschlossene Türen erweisen sich als Bewahrung, Verlust wird zum erfüllenden Freiraum für anderes und andere. Gebete werden so tatsächlich erhört, nur anders, als wir denken. In Anlehnung an ein Bonhoeffer-Zitat auf den Punkt gebracht: „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber erhört unsere Gebete.“
3. Damit sind die Antworten auf die Frage „Warum werden einige Gebete scheinbar nicht erhört?“ aber noch nicht völlig ausgeschöpft: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, ist die Antwort, die Paulus erhält (2. Korinther 12, 9). Der über dem Glück der Gottlosen angefochtene Asaph wird zu der geistlichen Erkenntnis geführt: „Wenn ich nur dich - Gott - habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde“ (Psalm 73, 25).
Nicht erhörte Gebete provozieren nicht nur Fragen an Gott, sie sind vielmehr auch Fragen zurück an den Beter, an sein Verhältnis und Vertrauen zu Gott. Glauben wir nur an Gott, wenn sichtbar oder spürbar etwas für uns dabei herausspringt - in Form von Gebetserhörungen etwa? Oder ist uns das Verhältnis zu Jesus auch in sich selbst etwas wert: in seiner Gnade und damit Nähe zu leben, mit ihm zu reden, uns vor ihm auszubreiten, ihn anzubeten, selbst wenn es ohne ein sichtbares Ergebnis bleibt?
Gott will geliebt werden - auch um seiner selbst willen! Zugespitzt gesagt: Die Fülle des Glaubens ist nicht dort, wo offensichtliche Gebetserhörungen nur so purzeln, sondern dort, wo auch in der Anfechtung an Jesus festgehalten wird, wo auch dann noch „Glaube, Hoffnung und Liebe bleiben“, auch zu ihm (1. Korinther 13, 13).
Eine Antwort bleibt ausgeschlossen, wenn es um nicht erhörte Gebete geht: Sie sind keine Strafe Gottes! Auch nicht gedacht, um uns etwa klein und gefügig zu machen. Selbst wenn wir uns eigener Schuld bewusst sind, so dürfen wir sie uns durch Jesus vergeben lassen und dann auch in Jesus vergeben wissen (vergleiche Römer 8, 31-39; unbedingt lesen!) und getrost und zuversichtlich alles, was uns bewegt, vor Gott bringen.