Leseprobe Januar 2006 |
zurück zum BK |
Nach dem Verzicht auf ein Suchtmittel übernehmen andere Suchtmittel oder Verhaltensweisen die psychische Funktion der bisherigen Sucht. Häufig rauchen die Betroffenen mehr oder versuchen sich, durch Arbeit abzulenken; andere stopfen mehr Süßigkeiten in sich hinein und schauen mehr fern, manche werden kaufsüchtig oder missbrauchen Medikamente. Dieser nicht bewusst gesteuerte Vorgang der Suchtverlagerung geschieht meist schleichend und unbemerkt.
Vergegenwärtigen wir uns noch einmal den möglichen subjektiven Gewinn des Menschen, der Suchtmittel konsumiert. Auf physischer Seite beseitigt der Alkohol in jedem Falle Entzugssymptome: Das Zittern der Hände verschwindet ebenso wie etwaige Schweißausbrüche. Der Organismus ist zumindest vorübergehend wieder funktionsfähig.
Auf psychischer Ebene werden in erster Linie unangenehme Gefühls- und Erlebniszustände zeitweise beseitigt. Die mit den Entzugserscheinungen oft auftretende innere Unruhe, Gefühle der Unsicherheit, der Angst oder Trauer sind ebenso beeinflussbar wie Gefühle der Hilflosigkeit, der Aggression und Destruktion.
Manch ein Betrunkener ist ungewohnt mutig geworden. Anderen gelingt es, im Rausch über Gefühle der Trauer oder Angst zu reden, die im nüchternen Zustand meist verdrängt werden.
Das Suchtmittel beruhigt, entspannt, hilft beim Vergessen. Das Suchtmittel erfüllt oft Jahrzehnte lang diese Funktion, es hilft zuverlässig und unmittelbar. Es ist von seiner Wirkung her für den einzelnen Menschen gutartiger und verlässlicher, als ein Mensch im Lebensumfeld es jemals sein kann.
Wird ein Suchtkranker - wodurch auch immer motiviert - in die Lage versetzt, auf sein Suchtmittel zu verzichten, hat dies weit reichende Folgen.
Die Mangelerscheinungen des Körpers sind dabei noch am leichtesten zu beseitigen, oft durch eine ärztlich begleitete Entgiftung. Hierbei übernehmen Wirkstoffe ärztlich kontrolliert eingesetzter Medikamente gezielt die Funktionen, die bislang der Alkohol (oder auch andere Suchtmittel) im Stoffwechsel des Körpers innehatte. Die Dosierung schleicht langsam aus, sodass die körpereigenen Wirkstoffe ihre ursprüngliche Funktion wieder einnehmen können.
Aber der Verzicht auf das Suchtmittel führt zu einem schwerwiegenden psychischen Problem, auf das auch die relativ hohe Rückfallquote Suchtkranker zurückzuführen ist. Der abstinent lebende Mensch benötigt eine neue Lösungsstrategie, denn die psychische Funktion des Suchtmittels steht nun nicht mehr zur Verfügung.
Der Suchtkranke wird durch die Abstinenz auch um wesentliche Mechanismen der Konfliktlösung gebracht, die ihm oft über Jahrzehnte subjektiv erfolgreich und zuverlässig zur Verfügung standen.
Hier bedeutet die Freiheit vom Suchtmittel einen Verlust an Orientierung und Sicherheit. Zwar ist die Wahrnehmung klarer, aber gleichzeitig wird er gnadenlos mit eigenen mangelhaften Verhaltensweisen konfrontiert. Die Verunsicherung ist nun ständig erlebbar. Das führt dazu, dass die Angst drastisch zunimmt. Für sie hat der Abstinente oft keine Lösung mehr zur Verfügung.
Die Folgen der Suchtmittelabstinenz sind vielschichtig:
Ralf Stallbaum,
vormals Sozialtherapeut im Curt-von-Knobelsdorff-Haus in Radevormwald