Leseprobe Dezember 2006


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Familie sein und Beziehungen pflegen – zu Weihnachten

Familie Heldt feiert den Heiligabend mit den Bewohnern vom Blaukreuz-Zentrum Zahren

Das Weihnachtsfest mit der Familie zu verbringen, ist für die meisten Menschen selbstverständlich. Nicht so für die Bewohner von Schloss Zahren in Mecklenburg-Vorpommern. Ihnen hat der Alkohol diese Möglichkeit genommen wie so viele andere Möglichkeiten in ihrem Leben. Manche von ihnen haben seit zehn Jahren keinen festen Job mehr gehabt, sind ohne Perspektive auf dem Arbeitsmarkt. Beim Blauen Kreuz haben sie eine neue Heimat, Freunde und Familie gefunden. In Zahren muss niemand den Heiligabend in Einsamkeit verbringen.

Zu verdanken haben dies die Bewohner von Schloss Zahren vor allem einer Familie. Katharina und Gerald Heldt aus Groß Lukow, die beide beim Blaukreuz-Verein arbeiten. Sie verbringen seit mittlerweile zehn Jahren samt ihren fünf Kindern die Festtage quasi am Arbeitsplatz. Zuerst noch in Waren bei der Diakonie, später dann im Zahrener Schloss, erzählt Gerald Heldt. Freiwillig, versteht sich.

„Unsere Mitarbeiter engagieren sich über das normale Maß hinaus für unser Anliegen. Im Grunde genommen funktioniert es bei uns wie in einer Großfamilie“, sagt Elke Simon, deren Mann Uve Simon das Schloss Zahren seit zehn Jahren leitet. Das Anliegen des Blaukreuz-Zentrums ist es, die hier lebenden Männer und Frauen wieder kontrolliert auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten, ihnen zu helfen, von der Sucht loszukommen und sie wieder in ein funktionierendes soziales Umfeld zu integrieren. „Freiheit statt Strafe – durch christliche Sozialtherapie“, lautet das Motto der Mitarbeiter. Bis es soweit ist – und Elke Simon verhehlt nicht, dass es ein weiter und steiniger Weg sein kann – sorgen die Mitarbeiter dafür, dass man dem Ziel Stück für Stück gemeinsam näher kommt. Da ist es ein Teil des Puzzles, die Bewohner familiär zu integrieren und ihnen das Gefühl von Geborgenheit und Anschluss zu geben. Da kann geregelte Arbeit ein weites Stück sein, ebenso wie das Wohnen in betreuten Gemeinschaften außerhalb des Schlosses. „Man muss nur wollen“, betont Elke Simon die Prämisse ihrer Arbeit.

Mag nun manch einer seine Schwierigkeiten bei der Vorstellung haben, das Fest der Liebe samt den eigenen Kindern mit trockenen Alkoholikern, ehemaligen Drogensüchtigen, Ex-Knackis und verhaltensgestörten Männern und Frauen zu verbringen – Familie Heldt teilt diese Bedenken nicht. Sie weiß, dass sich hinter all diesen negativ behafteten Attributen Menschen verbergen. Menschen mit Ängsten, Sorgen, Träumen und Wünschen. Menschen, die teils durch Schicksalsschläge, teils durch eigenes Verschulden aus der Bahn geworfen wurden. Die sich in Alkohol- oder Drogensucht flüchteten und immer weiter abstürzten, bis manche von ihnen straffällig wurden oder sich völlig aus der Gesellschaft zurückzogen.

Zum Fest der Liebe nicht allein

Sie nun gerade in der Weihnachtszeit allein zu lassen, wenn die Gedanken an die Vergangenheit und die eigene Familie besonders schwer zu ertragen sind, ist nicht Sache der Heldts. „Wir wollen mit unseren Kindern für diejenigen da sein, die keine Familie haben oder nicht zu ihr können, und mit ihnen ein familiäres Fest verbringen“, skizziert Gerald Heldt die Idee der etwas anderen Tradition. Und seine Frau Katharina ergänzt: „Es ist wichtig, dass man nicht ständig um sich selbst kreist.“

Berührungsängste haben dabei weder die Erwachsenen noch die Kinder. Aus ihrer Arbeit wissen die Blaukreuzler, dass sie nichts zu befürchten haben. Im Gegenteil: Nicht erst einmal haben die Eltern rührende Szenen im Umgang der Bewohner mit den Kindern erlebt. „Einmal habe ich unsere damals halbjährige Tochter einem der Bewohner auf den Arm gegeben, weil ich kurz etwas anderes tun musste. Der Mann war fasziniert und wie erstarrt, dass ich ihm so etwas Kostbares anvertraue, wo er doch seit Jahren seine eigenen Kinder nicht sehen durfte“, berichtet Gerald Heldt. Oder jene Szene, als einer der Heldtschen Söhne im Fernsehraum saß und das Zimmer verlassen wollte, weil ihn das Programm langweilte. Er kam nicht mehr dazu, denn in Windeseile hatten die Männer eine DVD eingelegt und sahen sich lieber gemeinsam einen Film für die Kleinen an, als auf deren Gesellschaft zu verzichten.

Und so trifft man sich auch in diesem Jahr am Heiligabend im Gemeinschaftsraum. Elisa und Jonathan, zwei der fünf Heldt-Sprösslinge, lesen dann aus der Weihnachtsgeschichte vor, es wird gemeinsam gesungen, Geschenke werden ausgepackt, Rätsel gelöst und Gedichte aufgesagt. Danach hält man sich am Büfett unschädlich und die Männer spielen mit den Kindern. Weihnachtliche Normalität, möchte man sagen. Und hört man den Heldts zu, zweifelt man keinen Moment daran, dass es genau das für sie geworden ist.

Wie wichtig auch den Schlossbewohnern die Kinder und das gemeinsame Fest mit ihnen geworden sind, zeigt sich bereits in der Adventszeit. Da kann es schon einmal passieren, dass Gerald Heldt beiseite genommen wird und etwas besorgt die Frage gestellt wird: „Aber dieses Jahr kommen die Kinder doch sicher auch wieder, oder?“ Sie kommen und zwar gern.

aus: Nordkurier

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Familie sein und Beziehungen pflegen – zu Weihnachten““:

  1. Mit wem feiern Sie gemeinsam das Weihnachtsfest?
  2. Kennen auch Sie abgerissene Kontakte in Ihrer Familie oder zu früher vertrauten Menschen?
  3. Haben Sie den Wunsch, diese Beziehungen wieder aufzufrischen?
  4. Welche Schritte möchten Sie tun, um diesen Neuanfang zu wagen?



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