Leseprobe Februar 2007


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Mit Grenzen leben

„Liebt Gott mich überhaupt?“

Jeder Mensch hat Grenzen in seinem Leben zu akzeptieren. Manche sind weit gesteckt, andere scheinen den Betroffenen hart und eng, viele sind nur vorübergehend - es gibt sogar solche, die selbstgemacht und in der Realität gar nicht vorhanden sind. Mit Grenzen ist es so, wie mit den meisten Dingen im Leben: Es kommt darauf an, wie man mit ihnen umgeht.

Als härteste und lästigste Grenze in meinem Leben habe ich meine chronische Krankheit empfunden: Diabetes mellitus Typ 1, schwer einstellbar. Mit elf Jahren lag ich im Koma, wodurch meine Erkrankung erst bemerkt wurde. Damals wurde ich mit Diät-Plan und Insulin-Spritzen eingestellt und empfand es als sehr schmerzhaft, mich nicht mehr so unbekümmert bewegen und ernähren zu können wie meine drei Geschwister.

Die medikamentöse Behandlung und die Blutzuckerkontrolle waren damals noch nicht so präzise wie heute. Obwohl ich meinen Diät-Plan peinlichst genau einhielt, aus Angst vor einem zu hohen Blutzuckerspiegel, kam es zum Beispiel durch zu hohe körperliche Belastung oft zu Unterzuckerungen mit Bewusstlosigkeit, nach denen ich mich dann im Krankenhaus neben meinen verängstigten Eltern wieder fand. So empfand ich mich mit meiner Grenze doppelt bestraft: Ich war selber mit meinem Körper belastet und war eine zusätzlich Belastung für meine Eltern. Ich fragte mich, wieso Gott mir das zumutet.
Als ich dann zu Beginn meiner Ausbildung mein Elternhaus verließ, fühlte ich mich erleichtert. Ich war nur noch für mich selbst verantwortlich. Nun wollte ich meine Grenze so weit wie möglich ausdehnen und habe sie dabei oft überschritten. Ich merkte sehr schnell, dass es mir nur schlechter ging, wenn ich meine Grenze ignorierte.

In dieser Zeit traf ich mit Menschen zusammen, die es für möglich hielten, dass Gott auch von einer lange bestehenden Krankheit – damals sieben Jahre – heilen kann. Man muss ihn nur im unbekümmerten Glauben darum bitten. Ich begann mich zu fragen, ob dies auch für mich gelten könnte, da ich mir nicht so sicher war, ob Gott mich so sehr liebt, dass er das für mich tun würde.
Ich kam zu dem Ergebnis, dass ich es einfach ausprobieren müsste. Also ging ich in die Gebetsstunde und ließ mich mit Öl salben und über mir beten. Danach hatte ich das Gefühl, dass Gott wirklich etwas an mir tun wollte, und ich freute mich, geheilt zu sein. Schließlich ließ ich auch das Insulin weg, denn ich wollte ja Gott und den anderen meinen großen Glauben beweisen.

Das Experiment endete auf der Intensivstation. Die Verantwortlichen aus der Gemeinde besuchten mich nicht und bemängelten später meinen Glauben. Die Jugendlichen aus der Gemeinde waren ratlos, andere Bekannte regten sich fürchterlich über die Gemeinde auf, meine Eltern beklagten sich über meinen Egoismus und ich beschloss, das Thema Heilung ad acta zu legen.
Ich wollte meine Krankheit akzeptieren und damit leben, auch wenn ich maßlos enttäuscht war. Zurück blieb für mich lange Zeit ein trauriges Fragezeichen.

Das Leben ging weiter: Ehe, Familie, drei Kinder und eine neue Gemeinde. Ich kam einigermaßen klar. Es gab auch da noch schwierige Zeiten, zum Beispiel waren die Schwangerschaften mit meiner Krankheit nicht leicht zu bewältigen, aber ich war versöhnt mit Gott und ich wollte seinen Willen tun. Dann ging ich durch eine schwere persönliche Krise: Ich war mit meinen drei Kindern allein und wurde anderthalb Jahre später geschieden.
Die alte Frage brach wieder auf. Liebt Gott mich überhaupt, bin ich ihm wichtig? Wieso muss ich mich mit so vielen Ungerechtigkeiten auseinander setzen? Andererseits war ich so abhängig von Gott wie noch nie zuvor in meinem Leben.
Nach einer längeren Zeit innerer Kämpfe entschloss ich mich zu einem Neuanfang und wechselte deswegen auch die Gemeinde. Ich entschied mich, ganz neu Gott zu vertrauen, alle meine Hoffnungen nur auf ihn zu setzen und zu glauben, dass er Gutes mit mir vorhat - auch wenn es momentan nicht danach aussah. Es folgte ein langer innerer Heilungs- und Wachstumsprozess, auf den ich heute dankbar zurückblicke.

Ich erlebte Gottes Handeln in dieser Zeit in einer besonderen Art und Weise. Er versorgte meine Kinder und mich oft über das hinaus, was ich von ihm erbeten hatte, und er zeigte mir auch sehr deutlich, dass er mich in all den Jahren meiner Krankheit beschützt hat. Es hat mehrere Situationen gegeben, in denen ich mich und andere durch Unterzuckerungen gefährdet habe - insbesondere im Straßenverkehr. Aber es ist niemand zu Schaden gekommen.
Besonders dankbar bin ich für die Menschen, die mich in dieser Zeit durch Gespräche und Gebet begleiteten, und für meine Kinder, die ein Gefühl dafür entwickelt haben, wenn es mir nicht so gut geht. Ebenso bin ich dankbar dafür, dass ich in dieser Zeit auch verstanden habe, dass Gott auch mein Körper gehört: Es ist sowohl für meine Kinder wie auch für mich wichtig, auf mich und meine Krankheit zu achten und nicht im Stress unterzugehen.
Ich nehme jeden Fortschritt in der Diabetes-Forschung aus Gottes Hand und nutze ihn für mich. So werde ich mittlerweile in einer speziellen Diabetesklinik behandelt und trage eine Insulinpumpe, mit der eine sehr genaue Einstellung meines Insulinbedarfes möglich ist. Nicht zuletzt habe ich einen wunderbaren Ehemann, der mich im Umgang mit meiner Krankheit unterstützt.

Glaube ich nun nicht mehr daran, dass Gott heilen kann? Natürlich glaube ich das weiterhin, aber Gott ist souverän, und seine Liebe zu mir ist davon nicht abhängig. Ob ich geheilt werde oder nicht, ändert nichts an der Tatsache, dass Gott es gut mit mir meint.

Sylvia Bangert
aus: Christsein Heute

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Mit Grenzen leben“:

  1. Welche Eigenart, welche körperliche Schwäche, welche mangelnde Begabung, welche Zwänge und Abhängigkeiten empfinden Sie als persönliche Begrenzung?
  2. In welchen Situationen, bei welchen Handlungen wird Ihnen diese Begrenzung besonders deutlich?
  3. Wie gehen Sie mit der Grenze um? Fällt es ihnen schwer, damit zu leben, oder haben Sie gelernt, diese zu akzeptieren?
  4. Was hat oder was könnte Ihnen helfen, Ihre Begrenzung anzunehmen?



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