Leseprobe Ausgust 2008 |
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Einem wie Oliver Schalk wäre wohl niemand gerne im Dunkeln begegnet. Er war ein Schläger, seine Sprache die Gewalt, das stärkste Argument seine Faust.
Oliver Schalk wächst im Osten Berlins auf. Doch für die DDR hat er nie viel übrig. Als Punk ist er gegen das Regime und macht sich lustig über Honecker und seine Genossen. Das lässt sich der Staat natürlich nicht bieten. Mit gerade einmal 17 Jahren landet er im Gefängnis.
Schon in der ersten Nacht erlebt er dort die Hölle: „Da sind so zehn bis zwölf Leute mitten in der Nacht auf mich losgestürmt, haben mir die Bettdecke über den Kopf gezogen, mich runtergerissen, mich getreten und zusammengeschlagen.“ Die Zeit im Knast verändert ihn immer mehr. Von nun an bestimmt die Gewalt sein Leben.
Er ist sich sicher: Mit Gewalt kann man mehr erreichen. Seine Plattform sind die Spiele eines Berliner Fußballclubs. Das Wichtigste am Fußball ist für ihn nicht das Spiel, sondern die so genannte dritte Halbzeit, wenn er sich mit anderen „Fans“ prügeln kann. Es bleibt nicht bei harmlosen Raufereien.
„Ich hatte kein bisschen Mitleid mit anderen. Manchmal, wenn ich nach Hause kam, hatte ich noch Fleischfetzen an den Schuhen. Heute kriege ich selbst Angst, wenn ich daran zurückdenke, aber das war meine Welt.“
Oliver Schalk hasst die DDR. Er will abhauen, doch er wird erwischt und landet wieder im Gefängnis. Erst nach mehreren Ausreiseanträgen und Fluchtversuchen schafft er es in den Westen. Er hat sein großes Ziel erreicht. Eine Woche später fällt die Mauer.
Auch mit dem wiedervereinten Deutschland weiß er wenig anzufangen. Sein neues Feindbild werden Türken, Juden und Schwarze. Er rutscht immer tiefer in die Neonazi-Szene, eröffnet gemeinsam mit anderen eine Kneipe. Alkohol und Drogen sind seine ständigen Begleiter.
Eines Tages schleppen ihn seine Kumpels mit zu einem Rocker-Treffen. Dort begegnet er Menschen, die er an einem solchen Platz so gar nicht erwartet hätte. „Ich habe drei Rocker gesehen, die strahlten etwas ganz anderes aus als die anderen 5.000. Dann sah ich die gelben Kreuze hinten auf ihren Westen.“ Olli ist irritiert.
„Was seid ihr denn für welche?“ „Wir sind Christen.“ „Was, ihr seid Christen?“ „Ja und, wie hast du dir denn Christen vorgestellt?“ „Lange Haare, Nickelbrille und Wandergitarre. Aber doch nicht so!“ „Ja, weißt du, Gott interessiert sich nicht für das Äußere. Er guckt aufs Herz.“
Die drei laden Oliver Schalk in ihr Zelt ein, erzählen ihm von Jesus und aus ihrem Leben. „Ich war fasziniert, aber ich wollte meine harte Schale bewahren. Ich war doch der Hooligan aus Berlin. Aber die Schale wurde angekratzt. Mit Liebe.“
Dann taucht ein bärtiger 2-Meter-Riese auf. „Olli, ich möchte gerne für dich beten.“ Oliver Schalk ist peinlich berührt, aber er willigt ein. Der andere macht nicht viele Worte, sagt einfach nur: „Jesus, hier ist Olli, kümmere dich um ihn. Amen.“ Die Rocker schenken Olli eine Bibel, aber er liest sie nicht. „Ich wusste, das hat was mit Liebe zu tun. Aber Liebe konnte ich im Moment nicht gebrauchen. Ich hatte ganz andere Probleme.“
Die Kneipe läuft schlecht. Er muss unbedingt eine neue Geldquelle finden. Seine Idee: Er will sich mit einer gespielten Depression krankschreiben lassen. Er liest Fachliteratur und schafft es tatsächlich, den Arzt von seiner Krankheit zu überzeugen. Aber der Mediziner verschreibt ihm eine Kur. So hat er sich das nicht vorgestellt. Wie soll er sechs Wochen lang einen manisch-depressiven Menschen spielen? Doch er muss die Reise antreten, will er das Krankengeld nicht aufs Spiel setzen.
Im Zug nach Bad Gandersheim schickt er ein Stoßgebet zum Himmel: „Gott, wie soll ich das alles überstehen?“ Als er in seine Tasche fasst, findet er die Bibel, die ihm die Rocker geschenkt haben. Wie kommt die bloß dahin? Er ist sich sicher, dass er sie nicht eingepackt hat. In der Kur beginnt er zu lesen. Und plötzlich wird alles andere uninteressant. Er stellt sich die Frage: Gibt es Gott wirklich?
Eines Tages läuft er ganz allein durch die Gegend. Immer weiter entfernt er sich von der Klinik. Dann fasst er einen Entschluss: Er will Jesus herausfordern. Also versucht er es mit einem Gebet: „Jesus, wenn es dich wirklich gibt, dann hast du jetzt die Chance, als Mensch vor mich zu treten.“
Oliver Schalk hat das Gefühl, dass jetzt hinter jedem Baum auf einmal Jesus hervorspringen könnte. Doch stattdessen steht er einige Minuten später vor einem Schild mit der Aufschrift „Glaubenszentrum“. Er ist bei einer theologischen Ausbildungsstätte gelandet. Einer der Schüler spricht ihn an. „Ich glaube, du suchst Gott!“ Oliver Schalk ist verdutzt. „Bist du Jesus?“, stammelt er. „Nein“, antwortet der andere, „ich bin nicht Jesus, aber ich habe einen guten Draht zu ihm.“
Diese Begegnung ist kein Zufall, da ist sich Oliver Schalk sicher. Es ist Gottes Reaktion auf sein Gebet - aber Gott macht es eben auf seine Art. Als Olli den Rückweg antritt, hat er ein kleines Heft dabei, das er sich aus dem Glaubenszentrum mitgenommen hat. In einfachen Worten wird darin der christliche Glaube erklärt. Auf einer Bank sitzend liest er, dass Jesus für die Schuld aller Menschen am Kreuz gestorben sei.
Wieder betet er: „Jesus, ist das wirklich wahr, dass du alles von mir, den ganzen Mist, mit ans Kreuz genommen hast? Dafür bist du gestorben? Dann will ich dir alles geben, egal wie die Zukunft aussieht.“ Nach diesem Gebet sieht Olli vor seinem inneren Auge noch einmal alles, was er in den vergangenen Jahren getan hatte, all die Menschen, die er zusammengeschlagen hat. Und jetzt muss der harte Olli weinen. Er fühlt sich wie neu geboren.
In den folgenden Jahren beginnt er ein ganz neues Leben. Früher war er alkoholabhängig, hat gekokst und geraucht wie ein Schlot. Doch von einem Tag auf den anderen haben sich seine Süchte plötzlich erledigt. Ein Wunder, das er Jesus zuschreibt.
Sogar seinen alten Hooligan-Freunden erzählt er von seinem Glauben und muss viel Spott dafür einstecken. Aber er will nicht mehr zurück. Er sieht immer noch aus wie ein harter Kerl, aber heute kann er endlich lieben - andere Menschen und sich selbst.
aus: Stefan Loß, Ingo Marx, Susanne Hohmeyer-Lichtblau: Hof mit Himmel 4
R. Brockhaus Verlag im SCM-Verlag GmbH & Co.KG, Witten, 2008