zurück zum BK

 


"Jugendliche erkennen ihr Problem viel zu spät"

Wuppertal (epd)

Der Geschäftsführer des Blauen Kreuzes drängt auf eine ganzheitliche Prävention

Wuppertal (epd). In der Diskussion um ein Alkoholverbot für Jugendliche unter 18 Jahren will das Blaue Kreuz die Erwachsenen stärker in die Pflicht nehmen. Denn den Jugendlichen fehlen Vorbilder für einen gesunden Umgang mit Alkohol, meint der Geschäftsführer des Suchthilfeverbandes, Hermann Hägerbäumer. Sabine Damaschke hat mit ihm gesprochen.

epd: Die Europäische Union will den Verkauf von Alkohol generell erst an Jugendliche ab 18 Jahren erlauben, unter anderem, um das "Koma-Saufen" zu stoppen. Was bringt in Ihren Augen ein solches Gesetz?

Hermann Hägerbäumer: Der Alkoholkonsum von deutschen Jugendlichen wird sich nur dann ändern, wenn auch bei den Erwachsenen das Problembewusstsein wächst. Schließlich geht der Alkohol durch ihre Hände, bevor er bei den Jugendlichen ankommt. Sie kaufen und verkaufen ihn, sie machen Werbung dafür und bieten ihn in den Discos und Kneipen besonders günstig an. Der Jugendschutz muss besser umgesetzt werden, indem Erwachsene stärker auf Kinder und Jugendliche achten, ihnen Vorbilder im Umgang mit Alkohol sind und im Übrigen mehr Zeit für sie haben.

epd: Welche Rolle spielt das Elternhaus im Hinblick auf den Alkoholkonsum?

Hermann Hägerbäumer: Ich halte es für sehr wichtig, dass aus dem Elternhaus eine Vorbildwirkung kommt. Kinder sollten schon hier erleben, dass man auch ohne Alkohol lustige Partys feiern kann und dass Alkohol auf keinen Fall zur Problemlösung taugt. Man sagt, dass ungefähr 30 Prozent der Kinder, die ein oder zwei alkoholabhängige Elternteile haben, gefährdet sind, selbst abhängig zu werden. Und wenn man wiederum bei den suchtkranken Jugendlichen nachschaut, dann kommen über 50 Prozent aus einem Elternhaus, in dem getrunken wurde.

epd: Wann kommen Jugendliche heute in Kontakt mit Alkohol?

Hermann Hägerbäumer: Erste Erfahrungen machen Kinder bereits mit elf oder zwölf Jahren. Bis zum Alter von 14 Jahren trinken viele heimlich Alkohol. Danach schwächt es etwas ab und mit 17, 18 Jahren geht es wieder richtig los bis hin zum eben beschriebenen Komasaufen. Es ist nicht so, dass Jugendliche heute viel früher mit dem Trinken anfangen. Das Einstiegsalter lag immer schon bei etwa zwölf Jahren. Besorgnis erregend ist allerdings, dass die Zahl der Kinder zunimmt, die Alkohol konsumieren. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung liegt der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die regelmäßig einmal pro Woche 35,7 Gramm reinen Alkohol trinken, bei 18 Prozent.

epd: Wie erreichen Sie denn gefährdete Jugendliche? Trotz zahlreicher Kampagnen hat der Alkoholkonsum junger Menschen eher zu- als abgenommen.

Hermann Hägerbäumer: Es ist in Deutschland fast unmöglich, diese Jugendlichen überhaupt zu erreichen. Sie müssen erst 28 oder 30 Jahre alt werden, bis sie merken, sie haben ein Suchtproblem. Daher haben wir die Aufgabe - und der stellen wir uns beim Blauen Kreuz auch -, diese jungen Leute zu erreichen, bevor sie das lange Elend der Abhängigkeit durchmachen müssen mit körperlichen Schäden, beruflichem Scheitern und Beziehungskrisen. Mit millionenschweren Kampagnen kommen wir da nicht weiter. Wir brauchen eine ganzheitliche Prävention.

epd: Statt Projekte zu starten, setzen Sie eher auf langfristige Basisarbeit. Viele Verbände klagen, dass es für diese Art der Prävention kaum öffentliche Gelder gibt. Macht das Blaue Kreuz andere Erfahrungen?

Hermann Hägerbäumer: Leider nicht. Eine flächendeckende Prävention, wie wir sie mit unseren Jugendbegegnungsstätten praktizieren, wird kaum finanziert. Es gibt in Deutschland seit einigen Jahren die Diskussion um ein Präventionsgesetz, nach dem Krankenkassen und Rentenversicherungsträger in einen Fonds für Präventionsarbeit einzahlen müssen. Aber das bekommt die Politik nicht vom Tisch. Wir warten darauf und hoffen, dass dieser Fonds auch die Suchthilfe mit einschließt. Denn die Ressourcen für Prävention sind viel zu knapp. In Großbritannien oder Norwegen wird hier etwa im Rahmen von sehr interessanten Schulprojekten deutlich mehr investiert.

epd: Wie finanzieren Sie Ihre Projekte?

Hermann Hägerbäumer: Wie viele andere Verbände haben wir Prävention lange Zeit nach Kassenlage gemacht. Wenn wir Geld hatten, wurde in entsprechende Projekte investiert, wenn nicht, dann wurde genau daran wieder gespart. Aus dieser Spirale sind wir vor fünf Jahren ausgestiegen, indem wir eine eigene Stiftung, die Deutsche Kindersuchthilfe, gegründet haben. Das Stiftungskapital liegt in diesem Jahr voraussichtlich bei 160.000 Euro. Damit können wir einige interessante Projekte machen, unter anderem die Suchtprävention in Schulen.
Weitere Informationen: www.kindersuchthilfe.de

aus: epd-sozial vom 23. März 2007
www.epd.de/sozial/sozial_index.html



  Hermann Hägerbäumer

zurück zum BK