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Leseprobe füreinander März/April 2017

Wie ich der Fastenzeit die Chance auf mehr gab

von Hanna Buiting

Als ich in der Grundschule war, einer katholischen Grundschule, sind wir mit der ganzen Klasse am Aschermittwoch in den Gottesdienst gegangen. Ein Aschekreuz wurde uns dort auf die kleine Stirn gemalt. Wie ein Brandmal. Damit wir nicht vergessen: Jetzt ist Schluss mit lustig. Und das sieben Wochen lang. So jedenfalls habe ich das damals empfunden.

Deswegen hatte die Fastenzeit für mich immer einen fahlen Beigeschmack. In etwa so, wie wenn man den ganzen Tag nichts isst, höchstens mal einen Kaffee trinkt und am liebsten keinem Menschen zu nah kommen möchte, aus Sorge, der könnte einen dann nicht gut riechen.

 

Was mir auch nicht gerade beim Fasten half, war die Jahreszeit. Der Februar ist grau. Im März fällt manchmal sogar noch ein bisschen Schnee, der aber schnell zu einem Matschrest im Rinnstein verkümmert. Zusammen mit ein paar vergessenen Luftschlangen vielleicht. Da wird die Sehnsucht nach Schokolade schon mal groß. Und dann war da dieses erdrückende Gefühl, diese Erwartung: Du musst büßen und verzichten. Das Gönnen hat jetzt Pause. Den Spekulatiusspeck von Weihnachten hast du schließlich immer noch auf den Hüften. Jetzt werden andere Seiten aufgezogen. Diszipliniertere. Was ich immer schwierig fand, war dieses Fasten mit Jesus in Verbindung zu bringen. Mit Ostern. Mir fiel es schwer, den Verzicht auf Genüsse mit einer österlichen Erwartung zusammenzudenken. Wem soll es etwas bringen, wenn ich auf Riffelchips und Facebook verzichte? Der Gesellschaft vielleicht? Der Fettverbrenner-Industrie? Steht Jesus schneller von den Toten auf, wenn ich auf Kalorien verzichte? In der Rückschau klingt das ganz schön einfältig. Aber ich vermute stark, dass ich nicht die einzige bin, die so dachte. Denn mal ehrlich: Sieben Wochen Fasten bedeutet auch sieben Wochen Arbeit. Sich auseinanderzusetzen mit sich selbst, den eigenen Schwächen, der eigenen Sehnsucht und mit dem Warten können. Zuversichtlich zu sein. Durchzuhalten. Das kann ganz schön anstrengend sein.

Licht werden, wo es dunkel ist

Und deswegen entschloss ich mich in einem Jahr dazu, nicht das „weniger“ in den Mittelpunkt der Fastenzeit zu stellen, sondern das „mehr“. Keine Sorge, ich habe kein Experiment à la „Wie viel kann ich in sieben Wochen zunehmen?“ gemacht, sondern überlegt, was mir in meinem Alltag fehlt, wofür ich gerne mehr Zeit hatte, mir gerne mehr Zeit nehmen würde. Ich wollte etwas bewusster tun als üblich. Mit mehr Hingabe und mit mehr Gefühl. Ich wollte diese sieben Wochen zu meinen sieben Wochen machen. Endlich mal nicht nur an den Verzicht denken, sondern an den Gewinn. Jeden Tag ein bisschen Vorfreude auf Ostern üben und diese Vorfreude teilen. In 40 Generalproben sozusagen. Licht entdecken, wo‘s dunkel ist. Licht werden, wo‘s dunkel ist.

Weil ich ein Buchstabenmensch bin und das Leben gern in Worte fasse, lag mein Entschluss nahe: Ich wollte Briefe schreiben. 40 Stück. An mir wichtige Menschen. In mein Tagebuch habe ich eine Liste geschrieben. Blind drauflos. Wer mir als erstes einfiel, wurde notiert. Die Mischung war überraschend: Nicht nur Menschen, von denen ich täglich umgeben bin, waren darunter. Auch Menschen, die ich vielleicht lange nicht gesehen hatte, oder auch welche, die ich gern besser kennen würde. Frauen und Männer. Familien. Sogar ein Prominenter war darunter. Manches kostete Mut. Man schreibt schließlich nicht jeden Tag Briefe an jemanden, den man eigentlich kaum kennt und ohne einen konkreten Anlass zu haben. Doch ich wollte mich selbst herausfordern, andere überraschen und mich selbst vielleicht auch ein bisschen überraschen lassen. Denn wo ein Absender ist, könnte auch eine Antwort zugestellt werden ...

Der Aschermittwoch kam schnell. Seit ich in Berlin studiere, Iebe ich säkularer als in meiner christlich-geprägten Heimatstadt Essen. So besuchte ich keinen Gottesdienst und erhielt auch kein Aschekreuz auf die Stirn. Den Startschuss musste ich mir selbst geben. Ich war hochmotiviert und bestens vorbereitet: Ausgestattet mit gutem Papier, Janosch-Briefmarken und Füllerpatronen in schwarz, blau und lila. Das Schreiben wurde zu einem Ritual. Jeden Tag schrieb ich ein paar Zeilen, ein paar Gedanken und Grüße und schob sie behutsam in Umschläge. Mit Masking-Tape beklebt oder mit kleinen Herzchen verziert.

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Die "füreinander" ist das Impulsblatt des Blauen Kreuzes und erscheint alle zwei Monate mit einer Auflage von 7.200 Exemplaren.