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Suchtfrei leben hinter Gittern

vom 20.11.2014, 14:08 Uhr

Entwicklung einer Alternative zur Haft mit dem EU-Projekt „ECOR – European Communities of Restoration“

Über 70 Prozent der in bundesdeutschen Verwahranstalten einsitzenden Häftlinge wurden wegen Straftaten im Zusammenhang mit legalen oder illegalen Suchtmitteln verurteilt. Ohne Zweifel ist eine höhere Zahl dieser Insassen abhängig oder genauer gesagt suchtkrank. Doch mehr als diese Vermutung bleibt kaum, denn zur Frage suchtkranker Strafgefangener liegen keinerlei statistische Daten vor. Abgesehen von kurzen Beiträgen in den „Jahrbüchern Sucht“ der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) fehlt es an detaillierten Informationen, wie in deutschen Justizvollzugsanstalten mit diesem Problem umgegangen wird.

Auf der anderen Seite steht jedoch die Tatsache, dass es immer wieder betroffene Gefangene gibt, die Hilfe und Wege suchen, um in Zukunft bei einer zufriedenen und dauerhaften Abstinenz ein straffreies Leben zu führen. Genau hier setzt die Blaukreuz-Arbeit an und bietet an verschiedenen Orten in Deutschland Hilfe und Beratung in Justizvollzugsanstalten an. Ein besonderes Projekt ist die Wohngruppe „Suchtfrei leben“.

Wohngruppe „Suchtfrei leben“ in Justizvollzugsanstalten

1994 initiierte Jürgen Schönnagel die Wohngruppe „Suchtfrei leben“ zusammen mit dem Blauen Kreuz und der JVA Brandenburg an der Havel mit dem Ziel, suchtkranke Straftäter auf ein Leben ohne Abhängigkeit und Aggression vorzubereiten. Seit 2006 gibt es das Angebot auch in der JVA Luckau-Duben. In der Wohngruppe, die aus 10 bis 18 Plätzen besteht, leben Häftlinge, die ihr Leben ohne Alkohol führen wollen. Männer unterschiedlichen Alters (23-48 Jahre) treffen hier aufeinander. Ihr Strafregister reicht von Drogenhandel über Beschaffungskriminalität, Gewaltdelikten unter Alkoholeinfluss bis hin zu Mord. Ihre einzige Gemeinsamkeit, neben ihrer Suchtproblematik, ist der Wunsch, ihr Leben positiv zu verändern. Das Konzept der Wohngruppe in der JVA gehört immer noch zu den Ausnahmen und ist in seiner Art im Strafvollzug der Bundesrepublik bisher einmalig.

Deutlich wurde bei der Blaukreuz-Arbeit in den JVAs, dass eine Nachsorge ohne Beziehungsbrüche, beginnend in der Wohngruppe „Suchtfrei leben“, die Rückfallgefahr minimieren kann.

Start des Projekts “ECOR”

Im Jahr 2013 wurde daraufhin der „Seehaus e.V. – Wahr.Haft.Leben“ aktiv und beantragte ein Europa-Projekt. Es beinhaltet die Entwicklung einer Alternative zur Haft, insbesondere bei Jugendlichen. Weil eine solche Alternative mit den Wohngruppen „Suchtfrei leben“ in den JVAs Brandenburg a. d. Havel und Luckau-Duben bereits gegeben ist beziehungsweise durch ein erweitertes Nachsorgekonzept ergänzt wird, war die Basis gegeben, dass der „Blaues Kreuz in Deutschland e.V.“ als Partnerorganisation an dem Projekt teilnehmen kann. Dieses Nachsorge-Angebot wird ausschließlich den Mitgliedern der Wohngruppen „Suchtfrei leben“ vorbehalten sein. „Die meisten der Häftlinge sind erst durch den Missbrauch von Suchtmitteln straffällig geworden. Deshalb möchten wir eine Betreuung während und nach der Haftzeit anbieten, damit die Bezugspersonen nach der Entlassung erhalten bleiben. Hierzu bauen wir eine Nachsorge auf, indem unser hauptamtlicher Betreuer in Form einer mobilen Nachsorge regelmäßig Kontakt zu den ehemaligen Häftlingen behält und weiter mit ihnen an ihrer Lebensgestaltung arbeitet. Langfristig ist geplant, auch eine stationäre Nachsorge aufzubauen. Hier können dann mehrere ehemalige Strafgefangene leben und mit der Unterstützung des Blauen Kreuzes ihren Weg zurück in ein suchtmittelfreies Leben finden“, sagt Jessica Breuer, Projektmanagerin des Blauen Kreuzes für das EU-Projekt.

Wissenschaftliche Begleitung

Neben Deutschland wird das Projekt „ECOR – European Communities of Restoration – in prisons and as alternatives to detention“, auch in Ungarn, Bulgarien und Lettland durchgeführt.

Die Universität in Cambridge (UK) begleitet das Projekt wissenschaftlich, das heißt die Universität konzentriert sich als Partner im Projekt auf die Forschung und die anschließende Auswertung.

Mit Absegnung der European Commission (Directorate-General Justice) startete das Projekt im April 2014 in Riga (Lettland) mit einer „Kick off“-Veranstaltung und endet am 31. März 2016.

„Ziel ist es, über den Erfahrungsaustausch mit den anderen Projektteilnehmern, Systeme zu schaffen, die in ganz Europa adaptierbar sind, sodass von unseren Projektteilnehmern ein Handbuch hierzu verfasst werden kann. So soll innerhalb von Europa ein richtungsweisendes Konzept entstehen, mit dem andere EU-Mitgliedsstaaten arbeiten können, um auch dort in Gefängnissen Alternativen zur herkömmlichen Haft zu schaffen“, so Jessica Breuer.

Mehr Infos zum Projekt: http://restorative-justice.eu/ecor/de/


Aus: Pressemitteilung des Blauen Kreuzes in Deutschland vom 20. November 2014