Grußwort des Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen
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Hundert Jahre „Blaues Kreuz“ in Wattenscheid, das ist ein Grund, herzlich zu gratulieren und zu feiern, vor allem aber zu danken.
Wenn ich an das „Blaue Kreuz“ denke, dann stürmen Kindheitserinnerungen auf mich ein. Mein Vater war über zwanzig Jahre im hauptamtlichen Dienst des „Blauen Kreuzes“ - er hat in diesem Dienst von 1925 bis 1946 die deutschen Lande bereist. Wir zu Hause haben viel erfahren von seiner Arbeit, und sie hat uns geprägt. Aber nicht nur das, was Aufgabe und Verantwortung meines Vaters war, verbindet mich mit dem „Blauen Kreuz“, sondern auch eigene Erlebnisse sind sehr lebendig: Ich erinnere mich gern daran, wenn ich dabei helfen konnte, „Bewahrung“ und „Rettung“ zu verpacken. Und dann waren da noch die vielen Besucher in unserem Haus, denen unsere Fürsorge galt, weil wir wußten, wie schwer es war, die Bedingungen einer „Verpflichtungserklärung“ zu erfüllen.
Mir ist so, als wäre das alles erst gestern gewesen. Freilich: Seit diesem „Gestern“ sind fünfzig Jahre vergangen, und das „Blaue Kreuz“ in Wattenscheid feiert sogar hundertsten Geburtstag. Vieles wird sich in den Jahrzehnten verändert haben. Und das ist gut so! Was sich nicht verändert hat, das ist die Not der Menschen durch eine Abhängigkeit, die hilflos, krank und einsam machen kann. Nicht geändert hat sich aber auch die feste Zusage aller dem „Blauen Kreuz“ Verpflichteten, selbstlos tätig zu sein. Wie viele werden aus dieser Zusicherung schon Heil und Heilung gefunden haben? Wir leben in einer Gesellschaft, in der es immer seltener wird, den Nächsten einzubeziehen. Das ist eine schlimme Entwicklung, und ich meine, daß eine solche Gesellschaft keinen Bestand haben kann. Aus einem Gegeneinander kann kein Miteinander werden, und nur miteinander können wir eine soziale und christliche Gemeinschaft bilden.
Ich sage heute meinen tiefempfundenen Dank allen, die sich im „Blauen Kreuz“ in Wattenscheid engagieren, weil sie dazu beitragen, daß auch in den dunkelsten Stunden des Lebens die Gegenwart Gottes spürbar bleibt. Ich wünsche auch für die Zukunft seinen reichen Segen.
Johannes Rau

