Begegnungsgruppe Darmstadt-Mitte  

 

 

Empfehlungen von ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfern

 

 

Herr Marschner-Rebhan, was sind Ihre Erfahrungen mit Alkohol?

 

Die guten Seiten des Alkohols sind:

Man wird teilweise mutiger, kann Probleme besser lösen und nimmt Kummer und Sorgen nicht mehr so ganz ernst. In jungen Jahren ist es ganz normal, dass man halt einen über den Durst trinkt. Einfach nur um in der Clique dabei zu sein. Nach meinem ersten Rausch ging es mir hundeübel. Ich war eigentlich sonst nie richtig besoffen. Wenn man in einer Beziehung lebt, wird dann da und dort mal was getrunken. Bis man es gar nicht mehr merkt. Dann hörst du mal auf und machst nur alle 3 Monate mal richtig einen drauf, wie bei einem Quartalssäufer.

Ab dem 35. Lebensjahr habe ich mir noch gedacht: „Oh je, du trinkst ja doch ein bisschen viel.“ Wenn du mit jemanden zusammen bist, der trinkt, gerätst du leicht in eine Co-Abhängigkeit. Ich war dann auch selbst abhängig.

2006 habe ich dann meinen Führschein verloren. Da war mir das noch nicht bewusst. Die Polizei sagte mir bei der Kontrolle: „Mit 2,7 Promille ist es starker Alkoholmissbrauch.“ Ich habe trotzdem weitergetrunken. Irgendwann habe ich gemerkt: „Ohne Alkohol kann ich nicht mehr.“ Ohne Alkohol habe ich gezittert und hatte Konzentrationsschwäche. Während der Arbeit habe ich nicht getrunken, aber nach der Arbeit habe ich mir schnell einen Flachmann an der Tankstelle geholt. Aber noch habe ich innerlich abgestritten, abhängig zu sein. Ich kam dann wegen eines Leberschadens mehrmals ins Krankenhaus. Ich wollte dann einen „kalten Entzug“ machen ohne professionelle Hilfe, was tödlich sein kann (wegen der Gefahr Alkoholkrampfanfällen). Ich bin ins Delirium gerutscht – was man kennt als „weiße Mäuse sehen.“ Anfang 2007 sagte meine Mutter zu mir: „Es muss etwas passieren.“ Ich habe eine zweite Entgiftung im Krankenhaus gemacht und mich zur Langzeittherapie im Haus Burgwald in Nieder-Beerbach entschlossen. Dort war ich vom 28.03.2007 16 Wochen bis zum 18.07.2007. Die ersten 8 Tage bestanden nur aus Zittern und nachts delirartigen Träumen. Ich habe dann 4 Wochen den Speisesaal geleitet, dann 12 Wochen als Innenkoordinator die Arbeit eingeteilt und viel selbst mitgearbeitet. In Einzel- und Gruppentherapie wurden wir vorbereitet auf das Arbeitsleben. Ich hatte einen Arbeitsvertrag bei der Mit-com-Zentrale, einer Taxizentrale. 2008 ist mein Bruder gestorben und ich habe einen Rückfall gebaut. Ergebnis waren Gelbsucht, Leberzirrhose, Polyneuropathie und viel Wasser im Körper. Ich habe schon die Englein singen hören. Im November 2009 sagte man mir im Krankenhaus: „Wen Sie noch einen Tropfen trinken, ist es vorbei.“ Seitdem bin ich trocken, trotz vieler Schicksalsschläge, u.a. 2010 die Pflege und der Tod meines Mannes. Heute sage ich mir: „Ich habe 15 Jahre vom meinem Leben verschenkt durch die Sauferei.“

Ich habe dann, trocken, gemerkt, wie schön die Welt sein kann. Man sieht die Welt mit anderen Augen. Ich bin anderen Menschen ganz anders gegenüber getreten. Die Frage: „Warum hast Du überhaupt getrunken?“ kann ich mir heute noch nicht beantworten. Ich hatte ja alles und mein soziales Umfeld ist nicht zusammen gebrochen. Wenn einer drin ist im Alkoholtran, der lässt sich von niemanden etwas sagen. Man muss erst die Erfahrung machen, ganz unten zu sein. Alkoholiker wollen den Satz nicht hören: Du musst… aufhören, dein Leben in den Griff zu bekommen usw. Ich habe meinen Partner, der Leberzirrhose hatte, gepflegt und habe das ohne Alkohol geschafft. Die Ausbildung zum Suchtberater macht großen Spaß. In der Blauen-Kreuz-Gruppe fühle ich mich sehr wohl. Ich habe gemerkt: „Du könntest ja eigentlich mal wieder beten. Da gibt es etwas, was geholfen hat, was nicht greifbar ist und wenn man betet, ist es da.“

Ich mache beim Blauen Kreuz die Gruppenleiterausbildung und will dann selbst eine Gruppe leiten. Ich bin dann oft in der Familienferienstätte des Blauen Kreuzes in Burbach-Holzhausen bei Gelsenkirchen. Eine erste Generalprobe für mein Trockenbleiben war 2010 ein paar Monate nach dem Tod meines Partners ein 50. Geburtstag in Siegen. Es wurde viel gesoffen. Das war die Höhle des Löwen für mich. Ich musste zwischen drin raus gehen, um fest zu bleiben. Am gefährlichsten ist die Zeit bald nach dem Trockenwerden. Durch die Änderung der Lebensform änderte sich auch der Freundeskreis. Meine Familie steht hinter mir. Ich habe viel Unterstützung und Verständnis erlebt. Heute habe ich kein Verlangen mehr nach Alkohol. Mit geht es einfach gut ohne Alkohol. Ich gehe nirgendwo hin, wo es Alkohol gibt. Ich kann das erste Glas stehen lassen. Dies allein ist nur mit der Hilfe Gottes zu schaffen. Und der eigene Wille muss da sein und mit Gottes Hilfe zusammen zu arbeiten.

Man kann sich gerne an mich wenden. Man erreicht mich unter 06159 7176017 oder 0151 40718061.

 

 

Auch unter meiner Internetseite: www.rmarschner.de

Das Interview führte Pfarrer Albrecht Burkholz

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Letzte Aktualisierung: 17/01/2014