Hilfen zur Alltagsbewältigung

 

 

Blaues Kreuz ist offen für Alle

 

 

Im Hinterhof der Katharinenstraße 17 in Dresden-Neustadt steht eine hübsche kleine Kirche – die Emmauskirche. Sie ist Begegnungszentrum und Heimstadt für die Neustadtgruppe vom Blauen Kreuz. Noch sechs weitere dieser Gruppen gibt es in Dresden.

Jeden Mittwoch 17 Uhr, außer wenn er auf einen Feiertag fällt, trifft sich die Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke und Medikamentenabhängige.

 

Ich bin mit Thomas Prager, einem der vier Ansprechpartner, verabredet. Alle vier arbeiten ehrenamtlich. Von ihm erfahre ich, dass die Gruppe seit 1998 besteht, er selbst ist seit 2001 dabei. Zurzeit nehmen an den zwei Gesprächskreisen 35 bis 40 Personen teil. Die meisten Teilnehmer sind zwischen 40 und 50 Jahre alt. Der Jüngste ist Ende 20 und die älteste Teilnehmerin Anfang 80. Sie kommen aus allen Schichten der Bevölkerung. Es kommen jetzt zunehmend Jüngere. „Das ist eine neue Herausforderung für die Ansprechpartner“, sagt Thomas Prager.  „Wir müssen lernen, uns auf jüngere Leute einzustellen.

 

Die Selbsthilfegruppe kann eine notwendige Therapie nicht ersetzen, sondern sie ist Fortführung des Prozesses, um das alltägliche schwere Leben danach zu bewältigen. Entgiftung, Entwöhnung und Selbsthilfegruppe seien wie ein dreibeiniger Hocker – Hilfe für den Alltag. Durch die Gespräche bekommen die Teilnehmenden wieder eine neue Bestimmung des Lebens und haben damit wieder Freude am Leben. Die Ausrichtung liegt darauf,  ein abstinentes Leben zu führen. Aber alle kennen die Angst vor dem ersten Mal, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen, denn es ist der erste Schritt, seinen eigenen Mut zu zeigen.

 

Thomas Prager  selbst hat es geschafft.  Früher hat er als Steinmetz gearbeitet, musste  aber aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Er fiel in ein tiefes Loch und dachte auch, der Alkohol hilft ihm darüber hinweg. Doch dann hat sich der 42-Jährige gesagt, das kann es doch nicht gewesen sein und  wollte aus der Sucht aussteigen.

Von Weimar zog er nach Dresden und seine erste Anlaufstelle was das Blaue Kreuz. Er nahm an Veranstaltungen und an einer Besinnungswoche in einem Rüstheim teil und danach machte er eine Langzeittherapie. Damit hat er den Ausstieg geschafft. Jetzt studiert er im sechsten Semester an der Evangelischen Hochschule für soziale Arbeit, Sozialpädagogik. Das geht nur ohne Alkohol.

 

 

Thomas Prager sieht seine ehrenamtliche Tätigkeit als gelebte Form von Nächstenliebe.

 

Zwei Grundregeln der Selbsthilfegruppe nennt Prager:

         Das ist einmal:

                            Die im Gesprächskreis  besprochenen Probleme der Teilnehmer werden nicht nach außen getragen                     – die Probleme bleiben im Raum.

         Das zweite ist

                            das Erkennen, dass jeder für sich selbst zuständig ist. Die Selbstverantwortung hat einen zentralen                      Stellenwert.

 

Die Betroffenen müssen auch erst lernen, menschliche Nähe und Wärme auszuhalten. Mancher kennt das nicht oder muss es erst wieder lernen.

Für Medikamentenabhängige ist die medizinische Begleitung wesentlich wichtiger. Aber sie haben die gleiche Schwierigkeit wie die Alkoholkranken, sie müssen den Druck und den Schmerz aushalten, ohne zu Hilfsmitteln zu greifen.

Auch Angehörige können sich an die Gesprächsleiter wenden bzw. sie können an den  Zusammenkünften teilnehmen. Eine gesonderte Angehörigengruppe gibt es in der Stadtmission der Diakonie, damit Partnerschaft wieder eine Chance hat.

 

Über die Gesprächsrunden hinaus bietet die Blau-Kreuz-Gruppe vielfältige Freizeitangebote.  So gehen die Mitglieder gemeinsam zweimal im Jahr wandern. Es finden Grillfeste, eine Weihnachtsfeier, Bowling und alle anderen Jahresfeste statt.

 

Neben den Gruppenrunden in allen Stadtteilen findet immer freitags 19 Uhr in der Zionskirche, Bayreuther Straße für alle Gruppen und Interessenten spezielle Veranstaltungen mit kirchlicher Anbindung statt.  Um die Woche abzuschließen, ist es sehr wichtig, dass die Tageslosung ausgegeben wird. Und wer beten möchte, kann es tun und wer nicht, lässt es. Es wird niemand gezwungen. Und überhaupt: Das Blaue Kreuz ist offen für alle, gleich ob sie einer Konfession angehören oder nicht.

 

Das Interview führte Renate Herfert

von der

Dresdner Obdachlosenzeitung „drobs“

 

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