Eine heiter-besinnliche (Neujahrs-) Geschichte
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Heertaah!
Der Vormittag war für mich gut gelaufen. Ich hatte mir sogar
Zeit für eine Brotzeit gönnen können. Jetzt war es schon kurz nach ein Uhr
und ich hatte wieder Appetit bekommen. „Ich geh zum Karstadt und ess‘ noch
einen Happen“, entschloss ich mich, war ich doch ganz in der Nähe.
In der Gaststube war gleich ganz angetan von der angenehmen
Atmosphäre. Die meisten Tische waren besetzt. Viele Gäste saßen aber
bereits zufrieden zurückgelehnt vor ihren leeren Tellern. Ich betrat die
‚Futterkrippe‘, so nannte ich den Selbstbedienungsteil, in welchem die
Esswaren hinter blank geputzten Scheiben darauf warteten, ausgesucht zu
werden. Nudeln und Kartoffeln dampften unter den Wärmelampen, die Soßen
waren bereits abgedeckt.
Es waren vor mir nur zwei Gäste. Die schoben auf ihren zu groß
wirkenden Tabletts kleine Gefäße mit Gulaschsuppe und einem Glas Cola vor
sich her, Besteck und Servietten gab es erst an der Kasse. Jetzt fiel mir
die Vitrine hinter den Teigwaren auf. Torte!! Sofort ging ich zwei Schritte
darauf zu. ‚Ja, ich esse einfach ein schönes Stück Torte und trinke ein
Haferl Kaffee dazu‘. Der Entschluss war in mir gefasst, so lecker sah die
Torte aus. Nüsse waren auf einer rosafarbenen Glasur zu sehen, innen einige
Cremeschichten auf lockerem Boden und das Ganze zeigte sich als prächtig und
großzügig geschnittene Tortenstücke. Ich schaute zu meinen beiden
Vorgängern. Sie trollten sich nur langsam zur Kasse. So setzte ich eine
bedächtige Miene auf und zeigte mich in meiner Wahl noch unentschlossen.
Gleichzeitig vergewisserte ich mich, dass nach mir noch kein anderer Gast an
der Futterkrippe nachgekommen war. Ich wartete mit leicht gesenktem Kopf auf
die Bedienung auf der anderen Seite der Krippe. Die hatte noch den
Gulaschtopf abgedeckt, sah auf und fragte mit gelernter Freundlichkeit: “Was
darf ’s bei ihnen sein?“
„Aach“, gab ich mich noch unentschlossen, ging wieder einen
Schritt entlang der Glasvitrinen auf die Tortenstücke zu. Ich blickte einen
Moment in die wartenden Augen der Bedienung. „Öh“, ließ ich wieder Zeit und
fragte möglichst gelangweilt: „Ja, da die Torte.“ Im gleichen Augenblick
griff die Bedienung nach einem bereitstehenden Tortenheber um wie ein
Roboter mir mein Stück Torte auf einen bereitstehenden Teller zu geben. Sie
hatte einen eher unbeteiligten Gesichtsausdruck. Wahrscheinlich hat sie
schon die übrige Torte an Kunden wie mich ausgegeben. Kunden wie mich? Das
sicher nicht. Ein bisschen anders war ich wohl als die meisten Kunden vor
mir. Mir wurde heiß. Wie kriegt das mein Körper hin, so schnell kleine
Schweißperlen auf meine Stirn zu treiben? Hoffentlich bemerkte die Bedienung
im grell grünen Kunststoffkittel nichts. Kurz bevor die Kuchenschaufel das
Ziel erreichte fragte ich mit betont unauffälliger Stimme: „Ist da Alkohol
in der Torte?“ Irgendwie fiel es mir immer noch schwer, dies zu fragen.
Deshalb auch meine ausgeklügelte Strategie, erst Abstand zu anderen Kunden
zu gewinnen. Mussten die doch nicht meine Frage mitkriegen. Aber die
Verkäuferin wollte ich diskret befragen, wusste ich doch, dass Torten oft
mit Alkohol getränkt sind oder dass auch in der Creme Alkohol oder Aromen
sein könnten. Aber Alkohol wollte ich nicht. Vor mehr als 10 Jahren habe ich
meinen letzten Alkohol getrunken. Seitdem bin ich trocken. ‚Trocken‘, auch
wieder so ein Wort. Doch ich bin alkoholkrank und kann Alkohol nicht
„normal“ konsumieren. ‚Normal‘, noch so ein Wort. Was hatte ich damals nicht
alles ausprobiert um ‚normal‘ zu trinken, so wie die anderen eben auch. Doch
bei mir hat es immer wieder in einer Katastrophe geendet. Ich kriegte es
einfach nicht fertig, rechtzeitig mit dem Trinken aufzuhören. Alles war vor
die Hunde gegangen: die Beziehung zu meiner Frau, meinen Kindern und Eltern.
Meine Gesundheit war total angeschlagen, meinen Arbeitsplatz hatte ich oft
wechseln müssen. Zum Schluss war auch der weg, wie mein Führerschein. Alles
hin, nur wegen der scheiß Sauferei.
Ich hatte damals viele gute Vorsätze, es half aber alles
nichts.
Meine Frau ging damals ins Blaue Kreuz. Sie lud mich immer wieder ein
mitzukommen. „Ich kann es auch gut für den Führerschein gebrauchen“, sagte
ich mir, und ging mal mit. Ich merkte bald, dass ich dort wie ein lieber
Gast aufgenommen wurde. Ich erzählte meine Geschichten, anfangs immer sehr
geschönt, doch ich durfte es. Ich hatte das Gefühl, hier interessieren sich
die Menschen wirklich für mich und verurteilen mich nicht. Verurteilen, das
kannte ich von vielen, vor allem von mir selbst.
„Was haben Sie gesagt?“, erst jetzt merkte ich, dass die
Bedienung mit dem grünen Kittel wohl schon auf meine Antwort gewartet hatte.
Sollte ich jetzt nochmals fragen? Doch ich hatte schon so oft Kuchen stehen
lassen, weil ich zu spät merkte, dass Alkohol darinnen war. Und einen
Rückfall, - nein, auf gar keinen Fall wollte ich den für ein Stück Torte
riskieren. „Ist da“, so hörte ich mich mit verhaltener Stimme wieder fragen
„Ist da Alkohol im Kuchen?“ Der Tortenheber senkte sich, ein Moment der
ratlosen Stille glitt über das Gesicht der Bedienung mit dem grünen Kittel.
Dann wurde ihre Gesichtsfarbe schlagartig rot. Ihr Mund formte sich zu einer
Vuvuzela, wie man sie zur Fußballweltmeisterschaft hatte. Wie aus einem
Kompressor tönte eine messerscharfe alles übertönende Stimme: „Hertaah!“
Ihre Augen suchten die Kassiererin, die gerade Kassenbonds sortierte. „Hertaah“,
durchschlug wieder das Organ der grün bekittelten Frau die angeregte Ruhe im
Restaurant, … nach einer wohlgesetzten Pause dann die Solostimme: „Is‘ in
der Torte Alkohooohl?“
Alles stand still. Die Gäste im Restaurant hatten blitzartig
ihre Unterhaltungen abgebrochen. Unzählige Augenpaare durchbohrten meinen
Rücken um zu erforschen, wer wohl der ist, der Interesse an der Antwort
haben könnte. Die Espressomaschine zischte nicht mehr. Ich fühlte, wie alle
Scheinwerfer des Restaurants schlagartig auf mich gerichtet waren. Sie
schienen heller als je zuvor. Angespannte Stille stand für unendliche
Sekunden im Raum. Die Kassiererin hatte sich wieder auf ihren zu kleinen
Stuhl hinter die Kasse gezwängt, alle Augen hingen an ihrem großen Mund, den
ein leichter Lippenbart zierte. Was würde uns Herta verkünden? „Neiiin“,
sang die Sirene ebenso laut wie deutlich, „da is kein Alkohol drin!!“
„Nein“, erwiderte die Verkäuferin, um auch jeden Zweifel auszuräumen.
Ich strahlte über den ganzen Körper, obwohl ich mich zugleich auch für mein
Geplänkel schämte. Ich kannte dieses beglückende Gefühl, nicht nur wegen der
schönen Torte; nein, ich hatte wieder einmal eine dieser Situationen
durchstanden, die mir früher so schwer fielen, naja, nicht nur früher. Ich
hatte es wieder geschafft. Ich wuchs auf der Stelle um einige Zentimeter,
jetzt oder nie, dachte ich drehte mich demonstrativ halbschräg zur
Kassenfrau und irgendwie auch zu allen Restaurantbesuchern. So laut ich
konnte rief ich: „Ja, dann geben sie mir ein Stück!“ Das war meine
Botschaft, ja dann, eben wenn kein Alkohol drin ist. Ja, alle Gäste sollten
es jetzt verstehen, ja, nur ohne Alkohol esse ich den Kuchen, weil ich leben
will. Ich drehte mich nun vollends zu den übrigen Gästen. Ich wollte ihnen
jetzt die Zusammenhänge erzählen, wie es mir früher mit Alkohol so furchtbar
schlecht gegangen war, und wie ich jetzt seit über 10 Jahren ohne Alkohol
glücklich und befreit leben kann. Meine Frau und ich lieben uns wieder, mit
meinen Kindern ist wieder viel Vertrauen entstanden. Ich bin ein
zuverlässiger Mitarbeiter in einer Firma und ich engagiere mich seit Jahren
schon als Mitarbeiter im Blauen Kreuz. Nach meiner Ausbildung als
Suchtkrankenhelfer kann ich nun auch anderen Menschen helfen, ganz auf
Alkohol zu verzichten. Viele finden das kleinlich, mir bringt es das Leben.
Ich wollte dies und noch viel mehr den Gästen erzählen. Auf meinem Weg zur
Kasse merkte ich jedoch, dass nicht alle Gäste mich anschauten. Auch zischte
die Espressomaschine wider, jemand hatte das Licht wieder auf „normal“
geschaltet. Hab ich mir das alles nur eingebildet? Herta kassierte
freundlich wie immer. „Ein Kuchen … ohne Alkohol“, und lächelte sympathisch.
Auf dem Weg zu meinem Tisch schauten wie zufällig einige Gäste auf. Ach, das
ist der mit dem Kuchen ohne Alkohol. Aber ich spürte keine Verachtung
sondern eher Anerkennung und Lob so nach dem Motto, der hat es geschafft.
Stolz und zufrieden setzte ich mich an einen Tisch und aß diese
wunderbare Torte …ohne Alkohol.
Frei erzählt von Wilfried Bager
Dezember 2010
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Meinungen zur Geschichte gern auch unter wilfried.bager@t-online.de
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