"Ich schlief, aber
mein Herz war wach", so beginnt der Abschnitt Über die sehnsüchtige
Liebe. Die Liebende liegt wach im Bett, sie sehnt sich nach ihrem
Geliebten. Hatte er nicht versprochen zu kommen, hatte er nicht gesagt,
er komme gleich nach Hause, zu Besuch, zum Kaffee? Hatte er nicht
versprochen anzurufen, wollte er nicht ausnahmsweise einmal früher aus
dem Büro kommen, hatte er nicht versprochen, er würde alles stehen und
liegen lassen, wenn ich ihn bitte? Was haben sich Liebende nicht schon
alles versprochen! Liebende versprechen sich leicht das Blaue vom
Himmel, sie müssten göttliche Fähigkeiten haben, um die Versprechen
nicht zu enttäuschen. Das kann nicht gut gehen. Und also heißt es bald:
Man wird sich ja wohl mal versprechen dürfen!
Wurzelt nicht
alles Liebesleid in enttäuschten Versprechen? Er hat mir Liebe und Treue
versprochen, und nun geht er fremd mit seiner Arbeit, seiner Karriere,
seinem Fußball, seiner Sekretärin.
Sie hatte ihm
Liebe und Treue versprochen und nun geht sie fremd mit ihrem Beruf,
ihren Kindern, ihren Freundinnen, ihrem Lover. Zu jeder Liebe gehören
diese Zwillingsschwestern: gebrochene Versprechen und enttäuschte
Anklage, nach dem Taumel der Liebe kommt das Bad der Ernüchterung. Du
hast dein Versprechen nicht gehalten, du hast meine Erwartungen nicht
erfüllt! Du bist viel kleiner, hässlicher, gemeiner, als du es mir
gesagt hast! Du bist gar nicht mein Prinz, meine Prinzessin, und das
nehme ich dir übel. Wie viel Leid gibt es in Liebe und Partnerschaft, in
Ehe und Freundschaft durch diese enttäuschte Erwartungen! Und wie oft
gehen wir Menschen mit diesem Leid genauso um wie unsere Sulamit aus dem
Hohelied: Er hatte versprochen zu kommen, aber er kommt viel zu spät;
ich habe ihn aufgegeben, habe den gedeckten Tisch wieder abgeräumt, das
verkochte Essen weggeschmissen, habe die Kerzen gelöscht und bin mit
meiner Enttäuschung in das kalte Bett gegangen. Ich habe meine Tür
verschlossen und habe mich in meinem Kämmerlein verschanzt. Nun bin ich
gut gerüstet und gepanzert gegen alle seine Ansinnen, ich ziehe mich
zurück in mein Schneckenhaus, murre stumm vor mich hin und lass ihn
auflaufen.
"Tu mir auf, liebe
Freundin, meine Schwester, meine Reine, meine Taube", flötet er
schuldbewusst; aber: Zu spät, so leicht ist Nähe nicht zu haben! "Ich
habe mein Kleid ausgezogen -wie soll ich es wieder anziehen? Ich habe
meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder dreckig machen?" Zu spät,
Enttäuschungen verlangen Strafe, zu jedem gebrochenem Versprechen gehört
eine kleine Rache. Ich steh doch nicht 'Gewehr bei Fuß', wenn er sich
dann endlich bequemt, sein Versprechen zu halten! Wer bin ich denn?
Haust du meine Tante, hau ich deine Tante! Jetzt kannst du mal fühlen,
was es heißt, enttäuscht zu werden. Du kannst auch mal warten, dich
sehnen, enttäuscht werden, und also gebrauche ich eine der häufigsten
Ausreden der Welt: Ich kann jetzt nicht, ich schlafe schon; ich kann
jetzt nicht, ich muss noch arbeiten; ich kann jetzt nicht, ich habe
Kopfschmerzen, die Kinder kommen gleich, die Freundinnen warten, usw.
Liebe Gemeinde,
das ist es, dieses berühmte Spiel aus Nähe und Distanz, aus Anziehung
und Abstoßung Wie oft wird es gespielt und mit wie viel Leidenschaft!
Aus enttäuschter Liebe wachsen bekanntlich die härtesten Bandagen, nun
wird mit allen Mitteln gekämpft. Niemand kann sich so verletzen wie die
Liebenden. Aus Nähe werden Mauern, aus Vertrautheit wird Schweigen, aus
offenen Armen werden knallende Türen, aus zärtlichen Händen werden
fliegende Untertassen. Es gibt wohl wirklich in dieser Welt außer bei
den objektiven Übeln wie Krieg, Hungersnot und Krankheit keinen Raum, wo
so gnadenlos gestritten und gelitten, gekämpft und gemartert wird wie in
der Liebe.
Aber auch darin
sind die Liebenden des Hohenliedes archetypisch; denn was tut unser
Romeo, als er vor verschlossenen Türen steht? Er fährt die Mitleidstour
und bejammert sich selbst: "Mein Haupt ist voll Tau und meine Locken
voll Nachttropfen. Du, ich steh ohne dich im Regen, ich bin so einsam
und alleine, verstoße mich nicht! Du, ich brauche dich gerade jetzt, ich
hab so viel Ärger im Beruf, lass mich rein, tröste mich. Sei doch meine
Mami, mein Papi, dass ich mich anlehne, ausruhe von meinem Kummer."
Was uns hier
gezeigt wird, liebe Gemeinde, ist tatsächlich ein Urbild der
Krisenbewältigung: Gebrochene Versprechen entschärfen durch 'Sichkleinmachen',
sich zum Kind machen, die Enttäuschungen der Geliebten unterlaufen durch
Regression und Einlass in Herz, Seele und Körper des Geliebten finden
mit dem Hinweis auf das eigene Leiden. Letztlich aber nimmt diese
mitleidheischende Türklage den Partner gar nicht ernst, seine
Enttäuschung ist gar nicht im Blick, sondern nur die eigene
bedauernswerte Lage. Wie gut, dass sie hart bleibt und ihn im Regen
stehen lässt.
Der nächste
Schritt ist der fließende Übergang zum offenen Geschlechterkrieg; und er
wird wohl nicht durch Zufalle vom Mann erzählt. Er steckt seine Hand
durchs Türloch, heißt es, um sich selbst die Tür zur Geliebten
aufzumachen. Männer scheinen schon damals dazu tendiert zu haben, auch
im Bereich der Liebe, der Nähe, der Vertrautheit auf den Machermenschen,
den "homo faber", zu setzen. Ich öffne mir die Tür zu deiner Kammer,
deiner Seele auch ohne deine Zustimmung! Du wirst schon sehen, wie gut
es dir tut, denn eigentlich willst du mich ja, deine Verweigerung sind
doch Zicken, Wehwehchen! Mit meinem Vorwärtsstürmen helfe ich dir ja
nur, denn du willst ja doch, du bist nur beleidigt. Bei solcher
Einstellung müssen wir gar nicht an die Extreme wie Vergewaltigung
denken, der Alltag der Beziehungen ist gewaltsam genug. Wir Männer
erobern eben die Frauen, wie es so entlarvend heißt. Das Bild stammt aus
dem militärischen Bereich. Frauen dagegen haben sich traditionell dem
Ansinnen der Männer hinzugeben, ein Bild aus der Opferterminologie!
Aber beides ist
noch weit weg von einer reifen, erwachsenen, partnerschaftlichen Liebe,
denn wirkliche Nähe kann man weder erzwingen noch über sich ergehen
lassen. Was erzwungen wird, ist nicht Nähe, und was nur hingenommen
wird, ist nicht Vertrautheit! Nähe kann man nur erbitten, Nähe ist ein
Geschenk der Seelen, kein erstürmbarer Raum. Nähe kann man nur erleben,
nicht anfordern. Echte Nähe ist wie der Glaube an Gott: Man kann sich
sehnen, hoffen, sich öffnen, aber niemals kann man Gott ins Herz
zwingen.
Das Spiel aus Nähe
und Distanz wird erst durchbrochen durch eine neue Dimension der Liebe.
Als sie dann doch aufsteht und ihn einlassen will, ist er weg. Aber nun
wird der ewige Kreislauf der Verletzungen und Enttäuschungen verlassen.
Die Frau sagt: "Meine Seele war außer sich, dass er sich abgewandt
hatte. Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht; ich rief, aber er
antwortete nicht. Ihr Töchter Jerusalems, findet meinen Freund, sagt
ihm, dass ich vor Liebe krank bin."
Liebe schafft
Leiden; erst das gebrochene Versprechen, dann die bewaffnete
Enttäuschung, die schroffen Mauern, die verschlossenen Türen; aber nun
der dritte, der schmerzhafteste Schritt, den so unendlich viele Paare
und Partner der Liebe nicht zu gehen vermögen, nämlich das
Eingeständnis: Ich vermiss dich, du fehlst mir! Obwohl ich dich gerade
erst abgewiesen habe, obwohl ich dich in die Wüste hätte schicken
können, es gilt auch: Ich vermiss dich!
Irgendwann nach
dem Streit, irgendwann nach dem Kampf, dem Aussperren und Verletzen des
anderen kann dieser Wechsel kommen, erwächst uns aus der Tiefe der Seele
jene Sehnsucht, die das Herz zerreißt, die uns all den Kampf, all das
Strafen und Streiten des Partners fremd werden lässt. Die Sehnsucht nach
dem anderen, nach seiner Nähe, seiner Wärme, seiner Gegenwart treibt uns
die Schamröte ins Gesicht wegen des lächerlichen Streitens. Zugegeben,
nicht jede Liebe, nicht jede Partnerschaft findet diesen Punkt. Es gibt
Freundschaften, Partnerschaften, auch Ehen, die sind unheilbar, die
haben sich definitiv verloren. Die Verletzungen sind zu groß, die Wunden
zu tief, als dass sie noch jenen Punkt der Sehnsucht in sich finden, der
einen sagen lässt: Verzeihe mir gib mich nicht auf! Aber oftmals wird
dieser "point of return", die Heilung durch Sehnsucht, viel zu früh
aufgegeben. Viele Partnerschaften trauen sich zu wenig eine Versöhnung,
eine Reifung durch die Krise zu. Ihnen und uns allen fehlt die innere
Zeit, die Geduld der Sehnsucht. Wir wollen zu schnell, zu leicht, zu
sichtbar den Erfolg, auch in der Liebe. Aber auch hier gilt, was auch im
Glauben gilt: Echte Spiritualität und echte Liebe sind niemals schnell,
sie wachsen wie ein Baum, sie brauchen tiefe Wurzeln und einen offenen
Himmel über sich. Fastfood ist für den Glauben so ungesund wie für die
Liebe. Und so wie die Sehnsucht der Motor ist, so ist die Suche der Weg.
Denn was macht die Frau, als ihr Geliebter verschwunden ist, als er
nicht mehr da steht, wo sie ihn vermutet hat, als sein Platz, den er in
ihren Vorstellungen und Gedanken hatte, leer und verwaist ist? Mit der
Sehnsucht des Kummers macht sie sich auf die Suche:
Mein Geliebter ist
ausgezogen aus meinen Bildern und Phantasien, und nun muss ich ihn
suchen. Dies ist, glaube ich, das Grundgesetz der reifenden Liebe: Mein
Freund, meine Freundin ist nicht mehr da, wo ich sie/ihn vermutet hätte,
er ist anders als alle meine Bilder, Ideale, Erwartungen von ihm. Auch
in der Liebe gilt das 1.Gebot in aller Strenge: Du sollst dir kein
Bildnis machen, weder von ihm noch von ihr noch von der gemeinsamen
Liebe. Liebe ist Begegnung, wirkliche Begegnung, und also müssen wir uns
nach dem zauberhaften Beginn, nach dem Kampf der Enttäuschungen auf die
Suche machen nach dem Partner, nach dem wirklichen Menschen hinter allen
meinen Bildern. "Wo ist denn mein Freund geblieben?", das ist die
Grundfrage der Versöhnung, denn nun machen wir uns auf den Weg, wir
suchen den anderen, wie er wirklich ist. Sicher, dies ist auch ein Weg
der Ernüchterung, wir Menschen treffen uns nie ein Leben lang nur im
Hochzeitszimmer. Wir müssen heraus aus unserer Kammer, aus unseren vier
Wänden, aus Bildern, Phantasien und Vorstellungen von der, wahren Liebe
und dem idealen Partner. Und ganz sicher werden wir bei dieser Suche
unseren idealen Überbau verlieren. Denn wer sich auf die ehrliche Suche
nach dem Partner macht, wer ihm dort begegnen will, wo er in Wahrheit,
nicht in meiner Phantasie ist, der wird auch geschlagen von den Wächtern
der Realität, der wird auch entkleidet all seiner Ideale und Phantasien,
die wir im Kopf haben, der wird auch bloßgestellt und muss leben lernen
mit der nackten Wahrheit und nichts als der Wahrheit.
Aber gerade das
ist für mich das Geheimnis der gereiften, der krisenerprobten Liebe.
Wenn wir aus Enttäuschung und Streit herausfinden, wenn wir uns auf die
Suche nachdem anderen machen und die Phase der Ernüchterung durchstehen,
wenn wir den anderen freilassen aus dem Gefängnis unserer Ideale und
Bilder, wenn wir Liebe als lebenslange Suche in einer fremden, oft auch
dunklen Stadt verstehen, dann können wir eines Tages auch wieder diese
eine Frage beantworten, welche die Freundinnen stellen: "Was hat dein
Freund vor anderen Freunden voraus?" Denn dann können wir wieder
antworten mit der allein haltbaren Antwort: "Mein Freund ist mein, und
ich bin sein", also: Mein Freund ist mein Freund, das hat er allen
anderen voraus.
"Wo ist denn dein
Freund hingegangen?" fragt der Chor der Jerusalemer Töchter. Und die
Antwort dieser Frau ist so ewig und so zeitlos wie die Liebe zeitlos
ist:
Er ist
hinabgestiegen aus dem Ideal, er ist hinabgegangen in die Realität, aber
dort ist er meine Lilie, die schönste unter allen Lilien.
mit freundlicher Genehmigung von Pfr. Ulrich Hartnik,
Memmingen
Abdruck und Weitergabe nur mit ausdrücklicher Genehmigung des
Verfassers
Silberhochzeit
September 1999
Elfriede und Wilfried Bager mit
Pfarrer Hartnik