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Hohes Lied 5,2 - 6,3

Festrede von Pfarrer Ulrich Hartnik, Memmingen, 
anlässlich der Feier zur Silbernen Hochzeit
von Elfriede M. und Wilfried Bager 

"Ich schlief, aber mein Herz war wach", so beginnt der Abschnitt Über die sehnsüchtige Liebe. Die Liebende liegt wach im Bett, sie sehnt sich nach ihrem Geliebten. Hatte er nicht versprochen zu kommen, hatte er nicht gesagt, er komme gleich nach Hause, zu Besuch, zum Kaffee? Hatte er nicht versprochen anzurufen, wollte er nicht ausnahmsweise einmal früher aus dem Büro kommen, hatte er nicht versprochen, er würde alles stehen und liegen lassen, wenn ich ihn bitte? Was haben sich Liebende nicht schon alles versprochen! Liebende versprechen sich leicht das Blaue vom Himmel, sie müssten göttliche Fähigkeiten haben, um die Versprechen nicht zu enttäuschen. Das kann nicht gut gehen. Und also heißt es bald: Man wird sich ja wohl mal versprechen dürfen!

Wurzelt nicht alles Liebesleid in enttäuschten Versprechen? Er hat mir Liebe und Treue versprochen, und nun geht er fremd mit seiner Arbeit, seiner Karriere, seinem Fußball, seiner Sekretärin.

Sie hatte ihm Liebe und Treue versprochen und nun geht sie fremd mit ihrem Beruf, ihren Kindern, ihren Freundinnen, ihrem Lover. Zu jeder Liebe gehören diese Zwillingsschwestern: gebrochene Versprechen und enttäuschte Anklage, nach dem Taumel der Liebe kommt das Bad der Ernüchterung. Du hast dein Versprechen nicht gehalten, du hast meine Erwartungen nicht erfüllt! Du bist viel kleiner, hässlicher, gemeiner, als du es mir gesagt hast! Du bist gar nicht mein Prinz, meine Prinzessin, und das nehme ich dir übel. Wie viel Leid gibt es in Liebe und Partnerschaft, in Ehe und Freundschaft durch diese enttäuschte Erwartungen! Und wie oft gehen wir Menschen mit diesem Leid genauso um wie unsere Sulamit aus dem Hohelied: Er hatte versprochen zu kommen, aber er kommt viel zu spät; ich habe ihn aufgegeben, habe den gedeckten Tisch wieder abgeräumt, das verkochte Essen weggeschmissen, habe die Kerzen gelöscht und bin mit meiner Enttäuschung in das kalte Bett gegangen. Ich habe meine Tür verschlossen und habe mich in meinem Kämmerlein verschanzt. Nun bin ich gut gerüstet und gepanzert gegen alle seine Ansinnen, ich ziehe mich zurück in mein Schneckenhaus, murre stumm vor mich hin und lass ihn auflaufen.

"Tu mir auf, liebe Freundin, meine Schwester, meine Reine, meine Taube", flötet er schuldbewusst; aber: Zu spät, so leicht ist Nähe nicht zu haben! "Ich habe mein Kleid ausgezogen -wie soll ich es wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder dreckig machen?" Zu spät, Enttäuschungen verlangen Strafe, zu jedem gebrochenem Versprechen gehört eine kleine Rache. Ich steh doch nicht 'Gewehr bei Fuß', wenn er sich dann endlich bequemt, sein Versprechen zu halten! Wer bin ich denn? Haust du meine Tante, hau ich deine Tante! Jetzt kannst du mal fühlen, was es heißt, enttäuscht zu werden. Du kannst auch mal warten, dich sehnen, enttäuscht werden, und also gebrauche ich eine der häufigsten Ausreden der Welt: Ich kann jetzt nicht, ich schlafe schon; ich kann jetzt nicht, ich muss noch arbeiten; ich kann jetzt nicht, ich habe Kopfschmerzen, die Kinder kommen gleich, die Freundinnen warten, usw.

Liebe Gemeinde, das ist es, dieses berühmte Spiel aus Nähe und Distanz, aus Anziehung und Abstoßung Wie oft wird es gespielt und mit wie viel Leidenschaft! Aus enttäuschter Liebe wachsen bekanntlich die härtesten Bandagen, nun wird mit allen Mitteln gekämpft. Niemand kann sich so verletzen wie die Liebenden. Aus Nähe werden Mauern, aus Vertrautheit wird Schweigen, aus offenen Armen werden knallende Türen, aus zärtlichen Händen werden fliegende Untertassen. Es gibt wohl wirklich in dieser Welt außer bei den objektiven Übeln wie Krieg, Hungersnot und Krankheit keinen Raum, wo so gnadenlos gestritten und gelitten, gekämpft und gemartert wird wie in der Liebe.

Aber auch darin sind die Liebenden des Hohenliedes archetypisch; denn was tut unser Romeo, als er vor verschlossenen Türen steht? Er fährt die Mitleidstour und bejammert sich selbst: "Mein Haupt ist voll Tau und meine Locken voll Nachttropfen. Du, ich steh ohne dich im Regen, ich bin so einsam und alleine, verstoße mich nicht! Du, ich brauche dich gerade jetzt, ich hab so viel Ärger im Beruf, lass mich rein, tröste mich. Sei doch meine Mami, mein Papi, dass ich mich anlehne, ausruhe von meinem Kummer."

Was uns hier gezeigt wird, liebe Gemeinde, ist tatsächlich ein Urbild der Krisenbewältigung: Gebrochene Versprechen entschärfen durch 'Sichkleinmachen', sich zum Kind machen, die Enttäuschungen der Geliebten unterlaufen durch Regression und Einlass in Herz, Seele und Körper des Geliebten finden mit dem Hinweis auf das eigene Leiden. Letztlich aber nimmt diese mitleidheischende Türklage den Partner gar nicht ernst, seine Enttäuschung ist gar nicht im Blick, sondern nur die eigene bedauernswerte Lage. Wie gut, dass sie hart bleibt und ihn im Regen stehen lässt.

Der nächste Schritt ist der fließende Übergang zum offenen Geschlechterkrieg; und er wird wohl nicht durch Zufalle vom Mann erzählt. Er steckt seine Hand durchs Türloch, heißt es, um sich selbst die Tür zur Geliebten aufzumachen. Männer scheinen schon damals dazu tendiert zu haben, auch im Bereich der Liebe, der Nähe, der Vertrautheit auf den Machermenschen, den "homo faber", zu setzen. Ich öffne mir die Tür zu deiner Kammer, deiner Seele auch ohne deine Zustimmung! Du wirst schon sehen, wie gut es dir tut, denn eigentlich willst du mich ja, deine Verweigerung sind doch Zicken, Wehwehchen! Mit meinem Vorwärtsstürmen helfe ich dir ja nur, denn du willst ja doch, du bist nur beleidigt. Bei solcher Einstellung müssen wir gar nicht an die Extreme wie Vergewaltigung denken, der Alltag der Beziehungen ist gewaltsam genug. Wir Männer erobern eben die Frauen, wie es so entlarvend heißt. Das Bild stammt aus dem militärischen Bereich. Frauen dagegen haben sich traditionell dem Ansinnen der Männer hinzugeben, ein Bild aus der Opferterminologie!

Aber beides ist noch weit weg von einer reifen, erwachsenen, partnerschaftlichen Liebe, denn wirkliche Nähe kann man weder erzwingen noch über sich ergehen lassen. Was erzwungen wird, ist nicht Nähe, und was nur hingenommen wird, ist nicht Vertrautheit! Nähe kann man nur erbitten, Nähe ist ein Geschenk der Seelen, kein erstürmbarer Raum. Nähe kann man nur erleben, nicht anfordern. Echte Nähe ist wie der Glaube an Gott: Man kann sich sehnen, hoffen, sich öffnen, aber niemals kann man Gott ins Herz zwingen.

Das Spiel aus Nähe und Distanz wird erst durchbrochen durch eine neue Dimension der Liebe. Als sie dann doch aufsteht und ihn einlassen will, ist er weg. Aber nun wird der ewige Kreislauf der Verletzungen und Enttäuschungen verlassen. Die Frau sagt: "Meine Seele war außer sich, dass er sich abgewandt hatte. Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht; ich rief, aber er antwortete nicht. Ihr Töchter Jerusalems, findet meinen Freund, sagt ihm, dass ich vor Liebe krank bin."

Liebe schafft Leiden; erst das gebrochene Versprechen, dann die bewaffnete Enttäuschung, die schroffen Mauern, die verschlossenen Türen; aber nun der dritte, der schmerzhafteste Schritt, den so unendlich viele Paare und Partner der Liebe nicht zu gehen vermögen, nämlich das Eingeständnis: Ich vermiss dich, du fehlst mir! Obwohl ich dich gerade erst abgewiesen habe, obwohl ich dich in die Wüste hätte schicken können, es gilt auch: Ich vermiss dich!

Irgendwann nach dem Streit, irgendwann nach dem Kampf, dem Aussperren und Verletzen des anderen kann dieser Wechsel kommen, erwächst uns aus der Tiefe der Seele jene Sehnsucht, die das Herz zerreißt, die uns all den Kampf, all das Strafen und Streiten des Partners fremd werden lässt. Die Sehnsucht nach dem anderen, nach seiner Nähe, seiner Wärme, seiner Gegenwart treibt uns die Schamröte ins Gesicht wegen des lächerlichen Streitens. Zugegeben, nicht jede Liebe, nicht jede Partnerschaft findet diesen Punkt. Es gibt Freundschaften, Partnerschaften, auch Ehen, die sind unheilbar, die haben sich definitiv verloren. Die Verletzungen sind zu groß, die Wunden zu tief, als dass sie noch jenen Punkt der Sehnsucht in sich finden, der einen sagen lässt: Verzeihe mir  gib mich nicht auf! Aber oftmals wird dieser "point of return", die Heilung durch Sehnsucht, viel zu früh aufgegeben. Viele Partnerschaften trauen sich zu wenig eine Versöhnung, eine Reifung durch die Krise zu. Ihnen und uns allen fehlt die innere Zeit, die Geduld der Sehnsucht. Wir wollen zu schnell, zu leicht, zu sichtbar den Erfolg, auch in der Liebe. Aber auch hier gilt, was auch im Glauben gilt: Echte Spiritualität und echte Liebe sind niemals schnell, sie wachsen wie ein Baum, sie brauchen tiefe Wurzeln und einen offenen Himmel über sich. Fastfood ist für den Glauben so ungesund wie für die Liebe. Und so wie die Sehnsucht der Motor ist, so ist die Suche der Weg. Denn was macht die Frau, als ihr Geliebter verschwunden ist, als er nicht mehr da steht, wo sie ihn vermutet hat, als sein Platz, den er in ihren Vorstellungen und Gedanken hatte, leer und verwaist ist? Mit der Sehnsucht des Kummers macht sie sich auf die Suche:

Mein Geliebter ist ausgezogen aus meinen Bildern und Phantasien, und nun muss ich ihn suchen. Dies ist, glaube ich, das Grundgesetz der reifenden Liebe: Mein Freund, meine Freundin ist nicht mehr da, wo ich sie/ihn vermutet hätte, er ist anders als alle meine Bilder, Ideale, Erwartungen von ihm. Auch in der Liebe gilt das 1.Gebot in aller Strenge: Du sollst dir kein Bildnis machen, weder von ihm noch von ihr noch von der gemeinsamen Liebe. Liebe ist Begegnung, wirkliche Begegnung, und also müssen wir uns nach dem zauberhaften Beginn, nach dem Kampf der Enttäuschungen auf die Suche machen nach dem Partner, nach dem wirklichen Menschen hinter allen meinen Bildern. "Wo ist denn mein Freund geblieben?", das ist die Grundfrage der Versöhnung, denn nun machen wir uns auf den Weg, wir suchen den anderen, wie er wirklich ist. Sicher, dies ist auch ein Weg der Ernüchterung, wir Menschen treffen uns nie ein Leben lang nur im Hochzeitszimmer. Wir müssen heraus aus unserer Kammer, aus unseren vier Wänden, aus Bildern, Phantasien und Vorstellungen von der, wahren Liebe und dem idealen Partner. Und ganz sicher werden wir bei dieser Suche unseren idealen Überbau verlieren. Denn wer sich auf die ehrliche Suche nach dem Partner macht, wer ihm dort begegnen will, wo er in Wahrheit, nicht in meiner Phantasie ist, der wird auch geschlagen von den Wächtern der Realität, der wird auch entkleidet all seiner Ideale und Phantasien, die wir im Kopf haben, der wird auch bloßgestellt und muss leben lernen mit der nackten Wahrheit und nichts als der Wahrheit.

Aber gerade das ist für mich das Geheimnis der gereiften, der krisenerprobten Liebe. Wenn wir aus Enttäuschung und Streit herausfinden, wenn wir uns auf die Suche nachdem anderen machen und die Phase der Ernüchterung durchstehen, wenn wir den anderen freilassen aus dem Gefängnis unserer Ideale und Bilder, wenn wir Liebe als lebenslange Suche in einer fremden, oft auch dunklen Stadt verstehen, dann können wir eines Tages auch wieder diese eine Frage beantworten, welche die Freundinnen stellen: "Was hat dein Freund vor anderen Freunden voraus?" Denn dann können wir wieder antworten mit der allein haltbaren Antwort: "Mein Freund ist mein, und ich bin sein", also: Mein Freund ist mein Freund, das hat er allen anderen voraus.

"Wo ist denn dein Freund hingegangen?" fragt der Chor der Jerusalemer Töchter. Und die Antwort dieser Frau ist so ewig und so zeitlos wie die Liebe zeitlos ist:

Er ist hinabgestiegen aus dem Ideal, er ist hinabgegangen in die Realität, aber dort ist er meine Lilie, die schönste unter allen Lilien.   

mit freundlicher Genehmigung von Pfr. Ulrich Hartnik, Memmingen
Abdruck und Weitergabe nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verfassers

Silberhochzeit September 1999
Elfriede und Wilfried Bager mit
Pfarrer Hartnik

 

 

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Stand:  16. November 2014