Pressebericht
Abschrift des Zeitungsartikels:
Es sind tragische und sehr belastende Lebenssituationen, die durch Alkoholsucht oder Suchtmittel wie Drogen und Tabletten und die daraus folgenden Abhängigkeitserkrankungen entstehen. Sie reichen von Trennung der Lebenspartner oder sozialer Isolierung bis hin zum Führerscheinverlust aufgrund einer Fahrt unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Betroffenen bietet das Blaue Kreuz in Memmingen Hilfe und Unterstützung an. Begleitung ist oftmals nicht nur für die direkt Betroffenen wichtig, sondern auch für Angehörige, Kollegen und Freunde.
Bei einem Besuch des Blauen Kreuzes aus Brasilien standen die freundschaftlichen Beziehungen und auch länderspezifische Unterschiede in der Suchthilfe im Mittelpunkt. Der Memminger Vorsitzende Wolfgang Kraus erläuterte, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland im Durchschnitt mit 12 bis 13 Jahren mit Alkohol und den dazugehörigen Suchterscheinungen in Kontakt kommen. In Brasilien beginne diese Entwicklung schon mit 6 bis 7 Jahren. Dort sei es nicht unüblich, dass die Kinder Alkohol brennen müssen. ,,Damit beginnt ein verheerender Kreislauf, der oftmals schon in jungen Jahren in der Alkoholabhängigkeit endet." Indigene Stämme im Urwald erhalten oftmals gar keine Hilfe, da es keine Unterstützung durch Krankenkassen oder staatliche Stellen gibt und das Blaue Kreuz in Brasilien auf Spenden angewiesen ist. Während es in Deutschland Suchtkliniken gibt, muss die Hilfe bei Alkoholabhängigkeiten in Brasilien von den Dorfgemeinschaften umgesetzt werden. Eine privat finanzierte Reha können sich die Ureinwohner nicht leisten.
Nach Entzug und Therapie rückt in Deutschland und auch in Brasilien die weiterführende Unterstützung in einer Selbsthilfe- gruppe in den Mittelpunkt. ,,Viele Betroffene meinen, dass sie es allein schaffen und kümmern sich nach der Reha nicht rechtzeitig um einen Platz in einer Selbsthilfe- gruppe", sagt der stellvertretende Vorsitzende Horst Häfele. Er betonte, dass dies in vielen Fällen zu Rückfällen führt. So liege die Rückfallquote nach einer Reha ohne Unterstützung anfangs bei bis zu 80 Prozent. Bei einer regelmäßigen Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe sei die Rückfallquote erfahrungsgemäß jedoch nur etwa halb so groß, so Häfele. ,,Alkoholsucht ist eine staatlich anerkannte Krankheit, die man nicht heilen kann - man kann nur versuchen, mit ihr zu leben", betonte Wolfgang Kraus. Der Vorsitzende weiß, wovon er spricht - er war selbst süchtig und ist seit mittlerweile 21 Jahren trocken. Seit 16 Jahren engagiert sich Wolfgang Kraus als Vorsitzender des Blauen Kreuzes Memmingen. ,,In der Selbsthilfegruppe höre ich jede Woche von Schicksalen anderer Menschen und komme immer wieder neu zu der Erkenntnis, dass ich das nie wieder selbst erleben will." Sein enormes Engagement begründet Wolfgang Kraus damit, dass er etwas von der Unterstützung, die er bekommen hat, zurückgeben und anderen Menschen in derselben Lage helfen will. Kraus weiß: Wenn man auch nach langen Jahren nur einen Tropfen Alkohol trinkt, verfalle man sofort wieder in exzessives Trinken im Maximum-Bereich. Auslöser können der Tod eines Kindes oder des Partners, der Verlust des Arbeitsplatzes oder andere negative Veränderungen im Lebensumfeld sein. Alkoholsucht beschränke sich nicht auf Obdachlose. In den Selbsthilfegruppen seien alle gesellschaftlichen Schichten vertreten. ,,Das reicht von Arzt über Politiker bis hin zu leitenden Angestellten und Jugendlichen."
In Memmingen sind acht ehrenamtliche Gruppenleiter mit Ausbildung zum Suchtkrankenhelfer tätig. Selbsthilfegruppen treffen sich im Memmingen und in Bad Wörishofen, aber es besteht auch die Möglichkeit, an einer Online-Gruppe teilzunehmen. Gesprächsrunden zu Glaubens- und Lebensfragen gehören ebenso zum Angebot des Blauen Kreuzes in Memmingen. Wichtiger Bestandteil ist auch die Unterstützung beim Entzug, beispielsweise durch Vermittlung zum Bezirkskrankenhaus, zu Suchtberatungsstellen wie AWO oder Caritas und MPU-Vorbereitungskurse zur Führerscheinerlangung. Das Blaue Kreuz in Memmingen ist seit 119 Jahren aktiv und als unabhängiger und gemeinnütziger Verein seit 2O22 in Memmingen eingetragen.
Gruppe... na klar!!
"Heute ist Blaukreuz-Gruppe. Gehst du mit?", fragt Herr M. seine Frau. Er hat seit einiger Zeit Probleme mit Alkohol und war nach einigem Zögern ins Blaue Kreuz gegangen. Dass seine Frau ihn begleitet hatte, empfand er als große Hilfe. "Das ist doch klar!" antwortet Frau M. ihrem Mann. "Mir hat die letzte Gruppe richtig gut gefallen – und gut getan."
Herr und Frau M. hatten beim ersten Gruppenbesuch erfahren, dass viele andere Besucher ganz ähnliche Probleme wie sie selbst haben.
Herr M. erinnert sich: "Zuerst staunte ich, wie die Leute über ihre Probleme sprachen. Da wurden keine Vorwürfe gemacht oder billige Ratschläge gegeben. Es wurde ehrlich über die Abhängigkeit gesprochen, wie es anfing, warum der eine oder andere trinkt oder getrunken hat. Und vor allem waren auch Leute dort, die es geschafft hatten mit dem Trinken aufzuhören!"
"Mir fiel damals einen Stein vom Herzen", erzählt Frau M. "Ich merkte, dass ich in der Gruppe nichts vertuschen oder beschönigen musste. Erst bin ich ja nur mit gegangen, um meinem Mann zu helfen. Doch bald schon merkte ich, dass ich selber am Ende meiner Kräfte war und auch Hilfe brauchte."
Später stellen die Eheleute fest: "Die Gruppen- und Einzelgespräche aber auch das gesellige Beisammensein und die Kurzandachten zum Schluss jeder Veranstaltung geben uns Mut und Kraft, unsere Probleme gemeinsam durch zu stehen".
So oder ähnlich haben schon viele Menschen die Gruppenabende beim Blauen Kreuz konkret als Hilfe erlebt.
Hilfe ist möglich... Gott sei Dank!
Das BLAUE KREUZ lädt jeden Dienstag, 20 Uhr, Bodenseestr. 1, zu Gesprächsgruppen ein. Diese Gruppen sind christlich therapeutisch orientiert. Fachinformationen zur Abhängigkeitserkrankung sowie Einblicke in die Hintergründe der Sucht werden vermittelt. Die Gruppenteilnehmer üben konkrete Schritte zur Überwindung ihrer Abhängigkeit ein und entwickeln neue Lebensperspektiven.
Die Teilnahme an den Gruppen ist kostenlos und unverbindlich, eine Anmeldung nicht erforderlich.
Hilfesuchende bestimmen das Maß an Anonymität oder Verbindlichkeit selbst. Die Mitarbeiterlinnen unterliegen der Schweigepflicht.
Derzeit bietet der Blaukreuz-Verein verschiedene Informations- und Aufbaugruppen, Frauen- und Bibelgesprächsgruppen sowie eine Gruppe für alkoholauffällige Kraftfahrer an. Telefonische Erstkontakte, Einzelgespräche und Hausbesuche werden ebenso angeboten wie auch Informationen im Internet.
Umfangreiche Fachliteratur und Info-Material hält der Verein bereit.
Der Ortsverein des BLAUEN KREUZES in Memmingen besteht seit 1908. Er ist Mitglied im Diakonischen Werk. Die Mitglieder des Vereins verzichten aus Solidarität zu Suchtkranken oder aus eigener Betroffenheit auf alkoholische Getränke.
Derzeit arbeiten vierzehn als Suchtkrankenhelfer ausgebildete Mitarbeiterlinnen ehrenamtlich und unentgeltlich. Sie alle haben erfahren, wie wichtig und wohltuend es ist, wenn Gott oder Menschen liebevoll weiter helfen. Gleiches an andere im Rahmen der eigenen Möglichkeiten weiter zu geben macht Sinn und Sinnerfüllung zugleich.
Der Verein versteht sich als Teil eines Netzwerkes aus Seelsorgern und Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern, Beratungsstellen, Fachkliniken, Verbänden und Behörden unter Einhaltung der Schweigepflicht.
Rund 3900 Personen besuchen die jährlich 240 angebotenen Gruppen- und/oder Einzelveranstaltungen.
Auf Einladung informiert das Blaue Kreuz gern auch in kleineren Gruppen und Kreisen.
Dipl. Ing. Wilfried Bager
1. Vorsitzender
Artikel für "Die Gemeinde" vom 21.2.2000