Niemand ist verloren

Es ist noch nicht lange her, da gestand ein Mitglied unserer Gruppe unter Tränen, dass es einen schweren Rückfall erlitten hatte. Und das nach einer noch nicht lange zurückliegenden Therapie und auch diese war nicht die Erste. Dieses Gruppenmitglied war völlig verzweifelt. Das hat mich und die Gruppe schon arg mitgenommen.
Mir ließ das auch im Nachgang keine Ruhe und in einer stillen Stunde habe ich mich einer Geschichte entsonnen und nenne diese Mutmachgeschichte, die ich bereits meiner Gruppe mitgegeben habe und ich jetzt Euch erzählen will. Auch wenn sich manches unglaublich anhört, versichere ich, dass alles, alles, auch die Details, absolut wahr sind.

Ich bin vor ungefähr 16 Jahren der Liebe wegen nach Duisburg gezogen und habe zuvor bereits jahrelang die Düsseldorfer Gruppe des Blauen Kreuz besucht.
Der Gruppenleiter der Düsseldorfer Gruppe, mit dem ich später dann gut befreundet war, war vor seinem seinerzeitigen, alkoholbedingten, totalen Absturz bei der Bezirksregierung (ehemals Regierungspräsidium) in der, ich nenne es einmal, qualifizierten Sachbearbeitung beschäftigt.
Zu seinen Aufgaben gehörte unter anderem auch, täglich sensible, vertrauliche und eilige Post von der Bezirksregierung zum Innenministerium NRW und retour zu fahren.


Eines Morgens, so gegen 11.00, geriet er bei einer solchen Fahrt mit dem Dienstwagen in eine routinemäßige Polizeikontrolle. Einer der kontrollierenden Polizisten meinte Alkoholgeruch festzustellen, obwohl Josef T. optisch völlig unauffällig war. Das erste Teströhrchen (zu der Zeit gab es noch keine elektronischen Testgeräte) verfärbte sich derart extrem, dass der Polizist meinte, dieses sei kaputt und es auf der Straße zertrat. Nächstes Röhrchen gleiches Ergebnis. Also ab zum Düsseldorfer Polizeipräsidium. Blutprobe. Nach ca. 1 Stunde tauchte der Polizeiarzt wieder auf, mit dem Bemerken, es könne etwas nicht stimmen und er müsse eine zweite Blutprobe nehmen. Wie schon erwähnt, war Josef T. optisch völlig unauffällig. Ergebnis dann aber: 4,32 Promille. Mit diesem Wert stand T. dann in der "Blöd"-Zeitung. Warum sich die Zahlen so eingeprägt haben, berichte ich noch.


Klar, hatte Josef T. bereits geraume Zeit auch im Dienst dem Alkohol zugesprochen, aber das Maß der Abhängigkeit war weitgehend unbekannt. "Nur" die allerengsten Kollegen waren insoweit Co-Alkoholiker als sie Ihn deckten und den Alkoholkonsum kaschierten. Jetzt war Josef aber voll auf dem Schirm. Im öffentlichen Dienst zieht eine Alkoholfahrt, privat oder dienstlich, immer Konsequenzen nach sich. Den Auflagen des Arbeitgebers widersetzte sich Josef und es begann der häufig unausweichliche Abstieg: Job weg, Frau weg, Wohnung weg bis hin zur Platte machen. In Düsseldorf gibt es in der Altstadt einen großen, täglichen Wochenmarkt, der traditionell mit Gemüse und Feldfrüchten von Gemüsebauern aus einem Kappeshamm genannten Stadtteil unmittelbar am Rhein bestückt wurde und wird, die dort feste Stände haben. Diesem "Völkchen" entstammte Josef, dessen Eltern in Kappeshamm zu den größten Bauern gehörten. Auf diesem Altstadtmarkt gab es auch ein Kino, welches sich in einem ehemaligen Tiefbunker befand. Am unteren Treppenpodest zu diesem Kino hatte Josef seinen Stammschlafplatz. Tagsüber half Josef, wenn er dazu in der Lage war, der Verwandtschaft auf dem Markt Kisten zu schleppen und andere Arbeiten zu verrichten, um sich Geld für Stoff zu verdienen. Seine Tagesdosis lag bei ca. 3 Flaschen Weinbrand. Josef hatte mehrfach versucht vom Stoff wegzukommen oder wurde hierzu von den unterschiedlichsten Personen gedrängt. Im Laufe seiner Alkie-Karriere hatte er - und hier kommt der seinerzeitige Promillewert ins Spiel - insgesamt 43 Therapien gemacht. Er stand also kurz vor Verleihung des "Goldenen Flachmanns" am Bande mit Schärpe. Er war mithin ein so genannter hoffnungsloser Fall, ein Drehtürpatient in allen Suchtkliniken im Großraum Düsseldorf.


Aber in der 43sten Therapie hat es bei ihm "Klick" gemacht. Warum wusste er auch später nicht genau zu sagen. Jedenfalls wollte er so wie bisher wohl nicht mehr leben, aber sterben auch nicht.
Er blieb dann über 2 Jahrzehnte trocken, bevor ihm der Tod das Lebenslicht ausknipste.


In Düsseldorf rutschte er dann beim Blauen Kreuz nach und nach in eine Leitungs- und Vorbildfunktion hinein. Insbesondere konnte er andere Menschen mit seiner Lebensgeschichte motivieren. Es gibt keine hoffnungslosen Fälle. Die Chance ein abstinentes und zufriedenes Leben führen zu dürfen, ist immer und jederzeit da.
Das Leben schreibt eben die tollsten Geschichten.


Hierzu gehörte auch, dass Josef, von Gartenbau und Landwirtschaft völlig unbeleckt und hieran desinteressiert, die Ländereien seiner zwischenzeitlich verstorbenen Eltern verkaufte. Diese waren zwischenzeitlich Bauland geworden und die Grundstücke waren wegen des unmittelbaren, unverbaubaren Rheinblicks irrsinnig im Preis gestiegen und urplötzlich war Josef T. etliche Millionen wert. Er hätte sich also tagtäglich mit dem edelsten Gesöff abschießen können, wie es übrigens sein Bruder tat. Dessen Millionen erbte er also auch noch.


Josef allerdings verlor nie die Bodenhaftung und vergaß nie, welche Geschichte er hatte.
Er hatte das ganze "Programm" erlebt und erlitten, welches die Sucht mit sich bringt und dies in voller Bandbreite, mit allen denkbaren und nahezu unglaublichen Facetten. Er konnte daher aus eigenem Erleben ein fantastischer Motivator und Impulsgeber sein. 


Und er konnte nahezu alles verstehen.
Trotz seiner Millionen und seines Vermögens ist er bescheiden geblieben und wollte viel von der Gnade zurückgeben, die er erfahren hatte. Ihn interessierten eigentlich nur noch die Menschen und die Anliegen des Blauen Kreuz, welches er mit aller Kraft unterstützte.
Er war lange Jahre Leiter und Vereinsvorsitzender des Blauen Kreuz in Düsseldorf bis er dann (zu früh) mit ca. 60 Jahren an Kehlkopfkrebs verstorben ist. Aber auch diese Krankheit und der nahende Tod belasteten ihn nicht, eher im Gegenteil. Er war unglaublich dankbar für die Jahre, die er durch die Abstinenz gewonnen hatte und betrachtete diese als geschenkte Jahre.

Warum erzähle ich diese Geschichte? 1. Für mich ist das eine Mutmachgeschichte. 2. Wir haben eine ganz "spannende" Krankheit. Es gibt nichts, absolut nichts, was es nicht gibt und 3. Niemand ist verloren. Auch wenn zig Menschen, Ärzte, Angehörige, Freunde und, und, und sagen: Nä, dat wird nix mehr, den/die kannste vergesse! Stimmt nicht. Siehe 2.: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Letztlich gibt es keine hoffnungslosen Fälle! Ein wenig erinnert mich dies an den alten Song von BAP "Du kanns zaubere".
Wer da "zaubert", das weiß ich für mich ganz genau und viele andere auch.
Aber wichtig ist, die Hoffnung stirbt eben nicht und nochmals, es gibt keine hoffnungslosen Fälle.

Teddy
 

Sie möchten helfen?
Spenden Sie online. Schnell und sicher.